Die beste Show seit vielen Jahren - Leitartikel von Irene Heisz

Das ZDF und Thomas Gottschalk haben bewiesen, dass die Show nicht immer weitergehen kann und darf.

Innsbruck (OTS/TT) - Der erste schwere Unfall in der 29-jährigen Geschichte von "Wetten, dass" wurde zum denkbar härtesten Live-Test für die Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und sowohl das ZDF als auch Moderator Thomas Gottschalk bestanden glänzend. Das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der Einschaltquoten als Qualitätskriterium missverstanden werden und Tabubrüche - inklusive der Empörung, die sie erregen - zu einem fixen Bestandteil der Fernsehunterhaltung geworden sind.

Die Show- und Senderverantwortlichen hatten an diesem Samstag unter massivstem zeitlichen, wirtschaftlichen und emotionalen Druck eine Reihe prekärer Entscheidungen zu treffen. Die millionenteure Show während der ersten Wette abbrechen zu müssen, war die Verwirklichung eines Albtraums, den wohl nicht einmal die größten ZDF-Pessimisten je geträumt hatten.

Unmittelbar nach dem fatalen Sturz zeigten die Kameras nicht mehr den Verletzten, sondern nur noch das Publikum. In den Gesichtern der Zuschauer spiegelte sich die Dramatik des Geschehens deutlich genug, auf die gewaltsame Penetration der Intimsphäre eines Schwerstverletzten wurde diskret verzichtet. Das ZDF widerstand im Gegensatz zu etlichen anderen Medien auch konsequent der Versuchung, die Unfallbilder zu wiederholen und voyeuristische Instinkte zu bedienen. Und als klar wurde, dass der Verunglückte an diesem Abend nicht mehr in die Kamera winken und Entwarnung geben würde, wurde wieder blitzschnell die einzig richtige Entscheidung getroffen und von Thomas Gottschalk in höchst professioneller, weil menschlich angemessener Form kommuniziert: Die Show muss nicht immer und nicht unter allen Umständen weitergehen, jedenfalls nicht unter Preisgabe von Mitgefühl und Respekt.

So gesehen war die Show, die nicht stattgefunden hat, vielleicht eine der besten in den vergangenen 29 Jahren.

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