TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Samstag, 4. Dezember 2010, von Mario Zenhäusern: "Kauft sich die Regierung den Boulevard?"

Bei Inseratenaufträgen setzen die meisten Ministerien auf Zentralismus: alles nach Wien, nichts für die Bundesländer.

Innsbruck (OTS) - Die einseitige Vergabe von Werbeetats durch die Mitglieder der Bundesregierung löste im Vorjahr einen - wenn auch nur kurzen - Nachdenkprozess in Wien aus. Aus Sorge um Arbeitsplätze kritisierten damals die Betriebsräte aller Bundesländer-Tageszeitungen, dass Unterrichtsministerin Schmied eine groß angelegte Kampagne zum Schulstart beinahe ausschließlich in Wiener (Boulevard-)Medien platzierte. Als ob es in anderen Teilen des Landes keine Schüler gäbe! Schmied reagierte und kündigte eine Schwerpunktkampagne auch in den Bundesländern an.
Ein Einzelfall? Mitnichten! Seit Jahren versorgen die Ministerien die Wiener Boulevardzeitungen Österreich, Heute und auch die Krone mit fetten Anzeigenaufträgen und speisen die Bundesländer mit Almosen ab. In einer aktuellen Anfrage, eingebracht am Donnerstag, will der steirische VP-Abgeordnete Jochen Pack von Verkehrsministerin Doris Bures wissen, ob es stimmt, dass sie für eine Inseratenkampagne bisher 340.000 Euro ausgegeben hat. Müßig zu betonen, dass die Bundesländermedien leer ausgingen.
Diese wettbewerbsverzerrende Ungleichbehandlung ist nicht nur eine Missachtung der einzelnen Unternehmen, sondern grenzt an Ignoranz jenen Menschen gegenüber, die sich eben nicht im Wiener Boulevard informieren (wollen). Vor allem aber begibt sich die Regierung in eine gefährliche Abhängigkeit. Ereignisse wie der umstrittene Leserbrief der Herren Gusenbauer und Faymann an Krone-Herausgeber Hans Dichand haben die Macht des Boulevards demonstriert.
Einziges Mittel, diese einseitigen Vergaben von Werbeetats zu verhindern, ist die totale Transparenz, wie sie im Übrigen auch der Verband Österreichischer Zeitungsherausgeber (VÖZ) einstimmig beschlossen hat. Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu verheimlichen.

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