TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 30. November 2010 von Michael Sprenger "Anleitung zur angekündigten Niederlage"

Werner Faymann und Josef Pröll sind drauf und dran, die FPÖ zur stärksten Kraft im Lande zu machen.

Innsbruck (OTS) - Die Alarmglocken müssten in den Parteizentralen der ÖVP und der SPÖ seit Tagen, nein, seit Wochen so laut schrillen, dass es schmerzt. Denn in den jüngst veröffentlichten Umfragen wird die FPÖ schon knapp hinter der SPÖ als zweitstärkste Partei ausgewiesen. Und nun auch noch die "Kanzlerfrage" in der Market-Umfrage für den Standard: Bei der Frage nach der fiktiven Direktwahl des Regierungschefs liegt FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache erstmals auf Platz eins. Es müsste verdammt schmerzen, doch noch halten sich Faymann und Pröll die Ohren zu.
Ohren zu und durch. Diese Methode in der Politik ist Ausdruck von Leidenschaftslosigkeit. Eine bittere Erkenntnis, wenn man weiß, dass Leidenschaft der Schlüssel zum Erfolg wäre. Leidenschaft, das bedeutet Grundsätze haben und dafür kämpfen. Grundsätze erläutern, dafür eintreten, auch wenn dadurch Gegenwind erzeugt wird. Auf Inhalte in der Politik setzen, nicht auf bloße Form und durchsichtige Vermarktung. Doch diese Leidenschaft ist sowohl beim Kanzler als auch beim Vizekanzler nicht vorhanden. Beide verstehen sich mehr auf das Verwalten, auf die Kunst, Konflikten aus dem Weg zu gehen, und auf das Schmieden von Allianzen mit dem Boulevard. Faymann gelingt dies besser als Pröll. Vielleicht reicht dies dem Kanzler.
Es reicht aber nicht, um Strache und die FPÖ auf Distanz zu halten. Die politisch verordneten Vorgänge im ORF, die demonstrierte Machtlosigkeit gegenüber den Ländern, die Missachtung der Verfassung beim Budgetfahrplan und die fehlenden Strukturreformen treiben frustrierte Wähler zur FPÖ. Zyniker behaupten längst, dass es von Alfred Gusenbauer und Wilhelm Molterer doch kein Fehler war, die Legislaturperiode von vier auf fünf Jahre zu verlängern. So muss Strache wenigstens länger warten. Die Alarmglocken schrillen, Verzweiflung macht sich breit.

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