"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gute Nachbarn" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 28.11.2010

Graz (OTS) - Vielleicht hat Europa derzeit andere Sorgen als sich
um das freie Wort zu kümmern. Mag ja sein. Aber man hat halt geglaubt, dass das Grundrecht irgendwie mit dem Kontinent und seinem kulturellen Selbstverständnis zu tun habe, eine stabile gemeinsame Währung, die nie mehr unter Abwertungsdruck geraten würde. So steht es in der Gründungsprosa der Gemeinschaft.

Der angesehene Publizist und Österreich-Patriot Paul Lendvai hat keine Prosa geschrieben. Er befasst sich in seinem neuen Buch "Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch" in schonungsloser Zuneigung mit dem Zustand seines Herkunftslandes, das er in 1957 als Verfemter verließ. Im zwölften Kapitel, das der Gegenwart gewidmet ist, zitiert Lendvai den ungarischen Autor Péter Nádas: "Der Staat funktioniert nicht. Er ist zerfressen von Korruption. Die Rechtsextremisten beherrschen die Medien und die Sprechweise der Öffentlichkeit. Ich kann nicht aus der Wohnung gehen, ohne die schrecklichen Parolen zu hören und zu sehen".

Lendvai zeichnet nach, wie in den zwei Jahrzehnten nach dem Wendejahr 1989 das Versagen der linken wie rechten Eliten und die Erfahrung von Finanzkrise und Fast-Bankrott, von Filz und Korruption, die Menschen vom politischen System der jungen Demokratie entfremdet und empfänglich gemacht haben für den Ruf nach dem starken Mann und den Giftsatz der Demagogen.

In Ungarn tragen sie nicht teure Stöckelschuhe wie die milde Sorte im Wien des Jahres 2000, sondern schwarze Stiefel. Sie führen Garden, sitzen im Parlament und schüren den Hass gegen Roma, Juden und das "ausländische Kapital", das das Land vor zwei Jahren vor dem Ruin gerettet hat. Rassistische Verbrechen bleiben ungesühnt. In Opern und Theaterhäusern verlieren Missliebige ihre Intendanz. Es ist eine Geisterfahrt in die Vergangenheit, die Lendvai protokolliert. Das Land übernimmt in einem Monat den EU-Vorsitz. Eine Werte-Debatte findet nicht statt. Der Wert des Euro hat Vorrang.

Es gibt Ungarn, die den Spiegel, den ihnen Lendvai vorhält, nicht ertragen. In Frankfurt wurde eine Lesung nach Internet-Drohungen abgesagt. Man könne die Sicherheit des Autors nicht garantieren. Es ist ein schlimmes Signal: Repression kann in Europa länderübergreifend seine Wirkung entfalten.

In Berlin hätte das Buch in der österreichischen Botschaft präsentiert werden sollen. Sie zog die Gastgeberschaft zurück. Man befürchtete, der leise Anflug von Haltung könnte zu Verwerfungen der nachbarschaftlichen Beziehungen führen. Auch das ein Zeichen: In Österreich bedarf es keiner Repression. Man kommt ihr gesinnungsfrei zuvor.****

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