WirtschaftsBlatt-Leitartikel:Das Stein'sche Gesetz gilt auch in Pjöngjang - von Michael Laczynski

Alles, was nicht ewig andauern kann, hat ein Ende - auch Diktaturen

Wien (OTS) - Ein Krieg zwischen Nord- und Südkorea gehört zu jenen Katastrophen, die man sich am liebsten gar nicht ausmalen möchte. Das fängt damit an, dass die südkoreanische Hauptstadt Seoul innerhalb der Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt. Im Ernstfall hätten die knapp elf Millionen Einwohner der Metropole nur wenige Sekunden Zeit, um Schutz zu suchen - ein Blutbad ist also auch ohne den Einsatz jener Atomwaffen programmiert, die das stalinistische Regime im Norden angeblich besitzen soll. Und die Tatsache, dass 25.000 US-Soldaten im Süden der Halbinsel stationiert sind und Pjöngjang andererseits auf Unterstützung aus Peking zählen kann, birgt zusätzliches Gefahrenpotenzial. Wenn es etwas Schlimmeres gibt als einen Konflikt zwischen Nord und Süd, dann ist es ein Krieg mit direkter Beteiligung der USA und Chinas.

Was Kim Jong-il mit dem Beschuss der grenznahen südkoreanischen Insel Yeonpyeong bezwecken wollte, ist nicht klar. Ist es Säbelrasseln im Vorfeld der Machtübergabe an seinen Sohn Kim Jong-eun? Ein Signal der Stärke an den unruhig gewordenen Hofstaat? Eine Reaktion auf die vor wenigen Tagen publik gewordenen Überlegungen der südkoreanischen Militärs, Washington um die Stationierung von US-Atomwaffen zu ersuchen? Oder ein Versuch, Wirtschaftshilfen zu erpressen? Über die wahren Beweggründe eines Diktators kann man nur rätseln.

Und das bringt uns schnurstracks zu den ökonomischen Implikationen der ganzen Angelegenheit. Wer sich jemals mit der Funktionsweise der Weltwirtschaft beschäftigt hat, weiß, dass Rätsel in diesem Kontext ungefähr so beliebt sind wie Hunger, Krieg, Pestilenz und Tod. Und so verwundert es nicht, dass die fernöstlichen Märkte gestern nach unten und der Schweizer Franken nach oben geprügelt wurden.

Eine Aversion gegen Rätsel kann schlimmstenfalls zum Selbstbetrug führen. Nicht kalkulierbare Risiken werden dann ganz einfach ausgeblendet. Wie so etwas ausgehen kann, lässt sich in der Eurozone beobachten: Nach jahrelangen Tagträumen stellen Investoren nun fest, dass irische oder portugiesische Schuldscheine doch nicht so sicher sind wie deutsche Obligationen. Welch Wunder.

Doch auch in einer Welt voller Rätsel gibt es Gewissheiten. Eine davon hat US-Ökonom Herbert Stein formuliert. Das so genannte Stein'sche Gesetz lautet wie folgt: "Wenn etwas nicht ewig andauern kann, wird es eines Tages zu Ende sein."

Das gilt für Spekulationsblasen ebenso wie für das Steinzeit-Regime in Pjöngjang.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001