DER STANDARD - Kommentar "Keine Kondom-Kehrtwende" von Petra Stuiber

Der Papst hat das K-Wort gesagt, ohne seine Meinung dabei zu ändern: Na und? - Ausgabe vom 22.11.2010

Wien (OTS) - Mit der katholischen Kirche und den Kondomen ist es
ein bisschen wie mit der FPÖ und den Ausländern: Kaum spricht der Papst das K-Wort aus (oder Heinz-Christian Strache das A-Wort), ist schon die ganze Welt darauf fixiert.
Was aber die FPÖ niemals tun würde, der Vatikan hat?s gewagt: Er hat einen überraschenden Standpunkt in die Debatte um sein liebstes Thema eingebracht. Kondome, so sagt der greise Papst Benedikt XVI., seien aus Kirchensicht "im einen oder anderen Fall" erlaubt. Dass ein solcher "Sager" sofort die Schlagzeilen dominierte, zeigt die offenbar tief verwurzelte Sehnsucht des christlichen Abendlandes nach so etwas wie moralisch-ethischer Anleitung in unruhigen Zeiten durch eine glaubwürdige Instanz.
So weit, so nachvollziehbar: Doch anstatt über diese "Meinungsänderung" in Verzückung zu verfallen, wie etwa die UN-Agentur zur Aids-Bekämpfung, lohnt sich ein genauer Blick auf die Aussagen des Papstes. Gemeint hat er mit "Ausnahmefällen", dass "ein Prostituierter" künftig mit kirchlicher Duldung Kondome benutzen darf, um die Ausbreitung von Aids via käufliche Sexualität zu verhindern. Benedikt betonte aber, Kondome seien keine "wirkliche und moralische Lösung". Soll heißen: Als Mittel zur Verhütung lehnt der Vatikan Kondome weiter ab. Wie eh und je.
Genau um diesen Punkt geht es aber. Denn Sex wird in der Hauptsache heterosexuell in privaten Schlafzimmern praktiziert, nicht im Bordell für Homosexuelle. Eines der Hauptprobleme des an Krisen so reichen afrikanischen Kontinents ist etwa, dass afrikanische Männer die Verwendung von Kondomen für "unmännlich" halten - und damit ihre Partnerinnen nicht nur mit dem HI-Virus anstecken, sondern auch noch unkontrolliert schwängern, was wiederum das Problem der Überbevölkerung verschärft, und so weiter. In ihrem Macho-Gehabe haben Millionen von Männern dabei ausgerechnet die Kirche an ihrer Seite. Die vermittelt nicht nur in dieser Frage den Eindruck, christlich-katholische Nächstenliebe werde primär auf Männer verteilt.
Benedikt ist ein scharfer Analytiker: Dass Sex zunehmend als eine Art "Droge" oder Ventil fungiert, im öffentlichen Raum allgegenwärtig ist und dadurch banalisiert wird, ist richtig erkannt. Aber so zu tun, als hätte das gar nichts mit der Kirche, ihrem reaktionären Frauenbild und ihrer verklemmten Sicht auf Sexualität zu tun, dazu gehört eine große Portion Weltfremdheit - oder Arroganz.
Wäre es dem Papst ein echtes Anliegen, als Kirchenoberhaupt eine gesellschaftspolitisch wichtige Rolle zu spielen, hätte er sich ernsthaft mit Geburtenkontrolle befasst. Dann hätte der Papst auch (macht)politisch klug gehandelt: Er hätte die katholische Kirche als politisch unabhängige, ohne materielle Eigeninteressen agierende Instanz in gesellschaftspolitischen Fragen ins Spiel gebracht. Doch Benedikts Kondom-Sager ist weder von solcher Substanz noch von solchem Weitblick getragen.
Laut Kirchen-Insidern ist er primär als "Akt der Nächstenliebe und der Güte" zu lesen. Das verstärkt den Eindruck, den man schon in der Missbrauchsdebatte vom Papst bekam: Da blickt einer von der Höhe seiner Position bestenfalls milde von oben herab auf irdische Sünder. Wenn ihm danach ist, offeriert er ein Quäntchen Vergebung, manchmal sogar für männliche Huren. Von einer Kehrtwende keine Spur.

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