"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Die Logik des Terrors, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 21.11.2010

Wien (OTS) - Ihr Ziel haben die radikalen Islamisten teils schon erreicht, bevor sie den Berliner Bundestag angegriffen oder sonstwo in Deutschland Blut vergossen haben. Allein die Terrorwarnungen verbreiten Angst.

Wer in Deutschland, insbesondere in Berlin, lebt oder demnächst dorthin reisen will, dem wird in den vergangenen Tagen vermutlich schon etwas mulmig geworden sein. Erst erklärte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière, Terroristen planten Anschläge für Ende November. Dann hieß es, Weihnachtsmärkte seien besonders gefährdet. Und jetzt berichtet "Der Spiegel", dass Extremisten ein Blutbad im Berliner Bundestag anrichten wollten. Das Terrorkommando umfasse sechs Personen, zwei von ihnen seien bereits vor sechs bis acht Wochen in Berlin eingetrudelt. Quelle dieser Information ist angeblich ein Aussteiger, dem die Lust am Morden vergangen ist und der das Bundeskriminalamt gewarnt hat.
Seit Jahren wird ein großer Knall in Deutschland erwartet. Zwei Mal entging das Land nur mit viel Glück Anschlägen. 2006, rund um die Fußball-WM, stellten zwei libanesische Terroristen ihre Kofferbomben schon in deutschen Regionalzügen ab. Doch die Zünder funktionierten nicht. Und die "Sauerland-Attentäter" hatten in ihrer Garage kanisterweise Sprengstoff für Autobomben zusammengepanscht, mit denen sie US-Einrichtungen in Deutschland in die Luft sprengen wollten. Die Polizei kam ihnen rechtzeitig auf die Spur.
Derart konkrete Terrorhinweise wie jetzt sind noch nie an die deutsche Öffentlichkeit gelangt. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder ist die Gefahr so akut, dass dem bisher zurückhaltenden Innenminister nichts anderes übrig bleibt als die Bürger (und damit auch die Attentäter) zu warnen. Oder er will sich profilieren. Eines muss de Maizière dabei in Kauf nehmen: Allein, indem er die Schreckensnachricht unter die Leute bringt, erledigt er einen Teil des Jobs der Terroristen. Denn ihr Ziel ist es, Angst zu verbreiten. Und das haben sie jetzt schon erreicht, obgleich in weitaus schwächerer Form, als wenn ihnen tatsächlich ein Anschlag gelänge. Angst ist der Kern des Terrors. Dessen innere Logik legte Joseph Conrad bereits 1907 in seinem Roman "The Secret Agent" offen. Möglichst destruktiv, absurd und unerklärlich, fast schon undenkbar möge das Attentat erscheinen, lässt er den Drahtzieher eines Bombenanschlags sagen. Denn: "Wahnsinn allein ist richtig furchterregend, man kann ihn nicht besänftigen, weder durch Drohungen noch durch Überredung oder Bestechung." Mehr als 100 Jahre später spiegelt sich diese Taktik in Terrorakten wider, mit denen Selbstmordattentäter wahllos möglichst viele Menschen in den Tod reißen. Der Terrorist stilisiert sich damit gleichzeitig zum Märtyrer, Helden und Monster, das jeden jederzeit heimsuchen kann.

Muslime als Opfer. Wer nicht imstande ist, diese Gefahr zu verdrängen oder zu relativieren, bekommt es mit der Angst zu tun. Da kann die deutsche Kanzlerin Angela Merkel noch so viele rhetorische Anti-Hysterie-Pillen verteilen und sagen, dass keine terroristische Drohung Deutschland davon abbringen werde, frei und ohne Angst zu leben.
Es gibt zwei Möglichkeiten, mit Angst fertig zu werden: Flucht oder Angriff. Beide Reaktionen sind den Terroristen recht. So verrückt al-Qaida auch erscheinen mag, ihr Gründer Osama bin Laden verfolgt eine klar definierte Absicht: Er will den Abzug fremder Truppen aus der islamischen Welt erreichen, um dort ein neues Kalifat zu errichten.
Anschläge sollen den Westen verunsichern und provozieren. Denn Gegenschläge mobilisieren, wie die Kriege im Irak und in Afghanistan gezeigt haben, neue Anhänger für Extremisten. Die militärischen Reaktionen lassen sich nahtlos einfügen in den Opferdiskurs, den auch gemäßigte Muslime in aller Welt pflegen. Demnach sind Muslime zuallererst stets die Opfer von Aggressionen, sei es in Palästina, Bosnien oder Tschetschenien. Es ist dieses kollektive Gefühl der Ohnmacht, aus dem die Radikalen ihre Energie und ihren Nachschub beziehen. Mindestens ebenso dringend wie gute Geheimdienstarbeit brauchen wir deshalb einen Gegenentwurf zur islamischen Opfersaga.

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