WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Von den Ereignissen überholt - von Michael Laczynski

Irland beweist, dass die Finanzkrise noch lange nicht vorbei ist

Wien (OTS) - Die Mühlen der Ökonomie mahlen nur langsam - eine an sich banale Erkenntnis, die immer wieder aufs Neue für heftige Gefühle gut ist. Die Bandbreite reicht dabei von ekstatischer Freude, wenn die Suche nach dringend benötigtem statistischen Material erfolgreich war, über Ratlosigkeit angesichts der nicht entzifferbaren Fußnoten, bis hin zur Enttäuschung über die Tatsache, dass die einzigen vorhandenen Daten aus dem Jahre Schnee stammen. Wer sich von Berufs wegen mit dieser Materie beschäftigt, weiß, dass im Universum der Volkswirtschaftslehre die Uhren anders gehen.

Die halbjährlich von der OECD errechneten Konjunkturprognosen stellen, zumindest was die Zahlen anbelangt, eine ruhmreiche Ausnahme dar: Sie sind fundiert, aktuell und gut aufbereitet - und der gestern vorgestellte Bericht hält das Qualitätsversprechen ein. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail - bzw. in dem für Journalisten bestimmten Begleittext. Darin kann man nämlich folgendes lesen: "Da der Finanzsektor wieder normal funktioniert und Haushalte sowie Firmen in der Lage sind, Ausgaben zu tätigen, ist die größte Herausforderung für Regierungen die Rückkehr zum selbsttragenden Wachstum."

Womit wieder einmal bestätigt wäre, dass sich Ökonomen auch dann von Ereignissen überholen lassen, wenn sie versuchen, mit der Zeit zu gehen. Ein Blick nach Irland genügt, um zu erkennen, dass die Finanzkrise nicht vorbei ist. Dort findet gerade ein Bankenkollaps in Zeitlupe statt.

Zwar hat die Regierung in Dublin die Institute aufgefangen, doch das Land kann die Schuldenlast nicht stemmen. Unternehmen haben bereits damit begonnen, ihre Konten bei irischen Banken zu leeren. Und Analysten von Morgan Stanley haben einmal nachgerechnet, wie hoch die Verbindlichkeiten von Irland, Portugal und Griechenland gegenüber europäischen Kreditinstituten sind. Das Ergebnis lautet 347 Milliarden Euro - und die größten Gläubiger heißen RBS (Großbritannien), Banco Santander (Spanien) und Credit Agricole (Frankreich).

Fazit: Mit Schulden ist es wie mit Erdlöchern. Wer eine Grube zuschüttet, indem er an einer anderen Stelle ein gleich großes Loch gräbt, vergeudet nur Zeit und Energie. Die Ereignisse in Irland müssten nun allen Beteiligten klar machen, dass diese Strategie nicht mehr lange gut gehen kann.

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