Die Sprache nicht verlieren

Symposion "Medizin und Ethik" des Europäischen Forum Alpbach und der ÖÄK in Wien eröffnet - Soziologe Gigerenzer: Schlechte Kommunikation mit den PatientInnen unethisch

Wien (OTS) - "Wir Ärzte müssen uns angesichts der technik- und reparaturgetriebenen Medizin fragen, ob wir nicht die Empathie für den Patienten und die Fähigkeit des Zuhörens und Redens verloren haben", so Ärztekammerpräsident Walter Dorner anlässlich der Eröffnung des Symposions "Medizin und Ethik" am 17.11. in Wien. Das Motto: "Wo steht der Mensch?"

Das erste Eröffnungsreferat hielt der deutsche Soziologe und Direktor des Max Planck Institutes für Bildungsforschung in Berlin, Gerd Gigerenzer. Der Autor der Sachbuchbestseller "Bauchgefühl" und "Das Einmaleins der Skepsis". Gigerenzer referierte über die Sinnhaftigkeit von Vorsorgeuntersuchungen, am Beispiel Mammographie und Prostata, und wies auf "statistische Widersprüchlichkeiten" und auch eine falsche Darstellung der Früherkennungsmethodik hin, die unethisch sei. Zum Beispiel wird als Ergebnis einer Brustkrebsstudie kommuniziert, dass durch Vorsorge-Mammographien das Risiko einer Erkrankung um 20 Prozent sinke. Diese sogenannte relative Wahrscheinlichkeit aber ist irreführend. Denn, dies ist das faktische Untersuchungsergebnis: von 1.000 untersuchten Frauen erkranken ohne flächendeckendes Screening fünf - mit Screening sind es vier. Gigerenzer fordert die Umstellung der Risikokommunikation auf solche "absolute Wahrscheinlichkeiten". Die falsche Kommunikation von Risiken führe zu unnötigen Ängsten, Hoffnungen und zuletzt auch Kosten. Untersuchungen zeigen, dass andernfalls nicht nur PatientInnen, sondern auch ÄrztInnen zu einer falschen Einschätzung von Risiken verleitet werden.

Für Gigerenzer ist die ethische Herausforderung eine Frage des offenen Gesprächs des mündigen Patienten, mit einem aufgeschlossenen Arzt in einem dialogischen Gesundheitssystem. Nachdrücklich plädiert er für ein höheres Selbstbewusstsein des Patienten dem medizinischen System gegenüber.

Seine finalen Thesen für "Bessere Ärzte und bessere Patienten?" lauten:

"Eine effiziente Gesundheitsversorgung und 'Shared Decision Making' setzt informierte Ärzte und Patienten voraus. Davon haben wir heute zu wenige.
Die Antwort auf explodierende Kosten im Gesundheitssystem ist nicht Rationierung und Steuererhöhung. Bessere Bildung von Ärzten und Patienten führt zu besserer Versorgung für weniger Kosten. Der Patient sollte ein Recht auf ehrliche und transparente Information erhalten".

In einer weiteren Keynote Speach ging die Wiener Psychoanalytikerin und -Therapeutin Marianne Springer-Kremser auf die Bedeutung des "adäquaten Umgangs mit dem Wertesystem der PatientInnen zur Diagnostik und Behandlung" ein. Sie definierte vier Herausforderungen für den Umgang mit Wertsystemen: "Haltungen, Erwartungen des Patienten, Befürchtungen des Patienten, Haltungen, Erwartungen des Arztes, Befürchtungen des Arztes".
Springer-Kremser plädierte für folgende Erfordernisse einer kommunikativen Kompetenz: "Sicherheit im eigenen Wertesystem, um sich von abweichenden Wertesystemen nicht bedroht zu fühlen; die Fähigkeit, nonverbale Mitteilungen wie Mimik, Gestik und Motorik wahrzunehmen. Die Fähigkeit, eine "Containerfunktion" für Patienten zu übernehmen".

Moderiert wurden der Eröffnungsabend und die an die Keynote Speaches anschließende Publikumsdiskussion von Christiane Druml, der Vorsitzenden der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt.

Die Tagung wird am Donnerstag, dem 18. November 2010, mit folgenden Themen fortgesetzt: Gemeinsame Entscheidungsfindung und Mitverantwortung, Die Sprache der Medizin, Kommunikative Kompetenzen im Rahmen des Medizinstudiums, sowie Medien und die Ethik der Kommunikation von Medizin und Gesundheit.

"Ethische Herausforderung an Medizin und Wissenschaften sind in aller Munde. Nur das zentrale Objekt der Forschung scheint im medizinischen Alltag allzu oft sich selbst überlassen: "Wo steht der Mensch?" war die Fragestellung die beide Initiatoren der Symposionsreihe, Erhard Busek, Präsident des Europäischen Forum Alpbach und Walter Dorner, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, trafen. Die Antworten versucht das Symposion aus der Reihe "Medizin und Ethik", die im kommenden Jahr mit neuem Thema fortgesetzt wird, zu geben. Klar ist:
Ethische Anforderungen an Medizin und Wissenschaften steigen.

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