"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Reifeprüfung" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe 14.11.2010

Graz (OTS) - Die Nagelprobe für Rot-Grün: Nicht der Fahrradstreifen, sondern der Gemeindebau.
In Deutschland treffen die Grünen das Lebensgefühl vieler Bürger. Sowohl im Protest gegen das Stuttgarter Bahnprojekt als auch im Widerstand gegen den Transport atomaren Mülls gelang ihnen breite Solidarisierung. Sie strahlten tief in bürgerliche Milieus hinein.

In den Umfragen schoben sich die deutschen Grünen vor die Sozialdemokratie. In Österreich nehmen sie auf dem Sozius der SPÖ Platz. Die Regierungsbeteiligung in Wien ist dennoch ein Markstein für die grüne Bewegung, die sich bei Wahlen kaum noch bewegt hat.

Als Protestpartei hat sie ihr Potenzial ausgeschöpft. Groll und Grant biegen in Österreich nicht links, sondern rechts ab. Dagegen haben die Grünen kein Mittel gefunden, obwohl so viel diffuse Frustration in der Luft liegt. Das moralische Überlegenheitsgefühl reichte nicht als Angebot an die Verdrossenen. Auch die Positionierung als erweiterte ÖH führte eher zu einer Verengung der Strahlkraft als zu mehr Breite.

In dieser Wachstumskrise war es strategisch richtig, die Chance der Regierungsverantwortung in Wien zu ergreifen. Rot-Grün ist ein Wagnis, aber ebenso ein Versuch, Demokratie zu verlebendigen. Rot-Schwarz, die Alternative, wäre das Gegenteil gewesen.

Jetzt müssen die Grünen Gestaltungskompetenz beweisen und sie mit Robustheit unterlegen. Maria Vassilakou muss das engmaschige rote Netzwerk der Macht durchdringen, will sie nicht nur Duftnoten, sondern Markierungen setzen.

Die 41-Jährige ist ein Gewinn für das Personalangebot in Österreich. Sie hat sich, obgleich schon Jahre in der Politik, etwas Helles, Unartifizielles bewahrt. Die gebürtige Griechin, die 18-jährig in das Land kam, um Sprachen zu studieren, ist darüber hinaus ein schönes Beispiel für gelungene Eingliederung. Ihr Erfolg sollte allen Zugewanderten und deren Kindern, die noch kein Zutrauen in das Land gefunden haben, Mut machen. Vassilakous Lebenslauf zeigt, dass man sich nicht in Sozial-Enklaven einschließen muss, dass diese Gesellschaft, auch wenn sie mitunter abweisend wirkt, durchlässig ist für die Willensstarken und jene, die die Chancen der Bildung nutzen.

Die schwer auf der Stadt lastenden Versäumnisse in Fragen des Zusammenlebens werden die Reifeprüfung für Michael Häupl und Maria Vassilakou sein. Das ungleiche Paar weiß: Mit ideologischen Formeln, entlehnt von Tagungspodien, lassen sich die Zornigen und Verängstigten im Gemeindebau nicht zurückgewinnen. Scheitert das rot-grüne Experiment hier, scheitert es flächendeckend und groß. Kein Fahrradstreifen und keine neue Solarzelle kann die beiden dann retten. Dann heißt der nächste Wiener Bürgermeister Strache. ****

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