TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 9. November 2010 von Michael Sprenger "Wien bleibt für Pröll die Achillesferse"

Christine Marek wollte nach Wien frischen Wien bringen. Eine Fehleinschätzung mit Folgen.

Innsbruck (OTS) - Es hätte der Herbst des Josef Pröll werden sollen, eigentlich müssen. Zuerst die Landtagswahlen in der Steiermark und in Wien. Von der Ausgangslage her hätte die ÖVP dort nur gewinnen - bis hin zu einem Landeshauptmannsessel -, aber nichts verlieren können. Und bei den Budgetverhandlungen sollte Pröll als Finanzminister sein Meisterstück abliefern. Doch so kann man sich täuschen. Nichts von alledem trat ein. Die VP verlor in beiden Ländern - und selbst Prölls Parteifreunde wollen nicht von einem budgetären Meisterstück sprechen.
Doch während sich in der Steiermark die Wogen wieder geglättet haben und beim Budget die SPÖ um keinen Deut besser agierte als die ÖVP, bleibt Wien übrig. Und hier ist die ÖVP drauf und dran, Wien zur Achillesferse für Josef Prölls Ambitionen fürs Kanzleramt werden zu lassen.
Festzumachen ist dies an der Wiener Parteiobfrau Christine Marek. Sie lieferte nicht nur einen wirklich schlechten Wahlkampf ab, sie verspielte dabei auch ihr Image als liberale Politikerin. Das Ergebnis ist bekannt: Die Wiener VP stürzte auf ihr historisch schlechtestes Wahlergebnis ab. Doch Marek war das alles egal, rechnete sie doch damit, Vizebürgermeisterin zu werden. Als auch sie dann endlich merkte, dass sich ein rotgrüner Zug Richtung Rathaus in Bewegung setzte, hatte sie schon ihren Bauchfleck geliefert, als es darum ging, einen neuen Parteimanager für Wien zu installieren. Und nun? Nun hat sie sich entschieden, nicht die Konsequenzen zu ziehen, sondern die Bundesregierung zu verlassen und als Oppositionsführerin ins Rathaus zu gehen. Dort wird sie bald zwischen einer rotgrünen Regierung, welche die Aufmerksamkeit des Neuen für sich gepachtet hat, und einer aggressiven blauen Truppe Platz nehmen. Von dieser Ausgangslage her kann sie viel verlieren, wenig gewinnen.

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