TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 8. November 2010, von Mario Zenhäusern: "Gefährliches Spiel für Gschwentner"

Die Drohung, die Koalition platzen zu lassen, könnte für den Tiroler SPÖ-Chef zum Bumerang werden.

Innsbruck (OTS) - Hannes Gschwentner lässt sich mit seiner
Drohung, die Koalition platzen zu lassen, auf ein gefährliches Spiel ein. Zu gut ist noch in Erinnerung, dass sich nach den Landtagswahlen mit ÖVP und SPÖ ausgerechnet die beiden größten Wahlverlierer zu einem Regierungsbündnis zusammengefunden haben. Und dass die SPÖ seither kaum an eigenem Profil dazugewinnen konnte. Wenn der SPÖ-Chef jetzt dem Koalitionspartner das Messer ansetzt, dann ist das ein Versuch, aus der Rolle des Steigbügelhalters auszubrechen.
Der Zeitpunkt für Gschwentners überraschenden Vorstoß indes ist geschickt gewählt und dürfte Landeshauptmann Günther Platter nachdenklich stimmen. Der hat bis jetzt immer zu seinem Regierungskollegen gestanden und hat diesen sogar vehement gegen Putschversuche regierungskritischer Genossen verteidigt. Wenn ihm Gschwentner tatsächlich die Gefolgschaft aufkündigt, steht Platter plötzlich unter Zugzwang. Ein fliegender Wechsel der ÖVP von der SPÖ zur Liste Dinkhauser oder zu den Grünen scheidet aus: Zu unterschiedlich sind die Positionen, zu heftig die Auseinandersetzungen in der Vergangenheit, zu groß die gegenseitige Abneigung. Und der letzte Ausweg, eine Koalition mit den Freiheitlichen, ist angesichts der zerbröselnden Truppe rund um FPÖ-Chef Gerald Hauser eine mehr als unsichere Option.
Weil also keine echte Alternative zur Verfügung steht, wird sich Platter seinen Juniorpartner wohl zur Brust nehmen und ihn davon überzeugen, dass der eingeschlagene Weg eh richtig und der angedrohte Koalitionsaustritt eigentlich gar nicht notwendig sei. Gschwentner muss dann Farbe bekennen: Schließlich wird er künftig auch daran gemessen werden, ob er seinen Ankündigungen auch Taten folgen lassen wird.

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