DER STANDARD - Kommentar "Schattenboxen um die Arbeitszeit" von Luise Ungerboeck

Die Metaller-Gewerkschaft hat sich mit ihrer Verhandlungstaktik nichts Gutes getan - Ausgabe vom 8.11.2010

Wien (OTS) - Das goldene Ehrenzeichen für taktische Kriegsführung sollte sich die Metallerherbstlohnrunde nicht erhoffen. Es ist bestenfalls Blech, das sich Arbeitnehmer wie Arbeitgebervertreter mit den heurigen Kollektivvertragsverhandlungen für die 165.000 Beschäftigten der Metallbranche verdient haben. Gäbe es einen Murmeltier-Orden für wiederholte unangemessene Forderungen, die wie eine Monstranz vor sich hergetragen werden, ihn haben sich Gewerkschafter und Betriebsräte redlich erarbeitet.
Denn statt effizient um höhere Löhne und Gehälter zu feilschen, bessere Arbeitsbedingungen und betriebliche Gesundheitsvorsorge zu erstreiten, manövrierten sich die Funktionäre ohne Not in eine Sackgasse, aus der sie kommunikationstechnisch nicht herausgekommen sind, obwohl sie einen ökonomisch vertretbaren Abschluss erzielt haben.
Mit ihren voreilig gedruckten Plakaten, Flugzetteln, Aufklebern gegen den Ruf der Arbeitgeber nach Flexibilisierung der Arbeitszeitregelungen "bewaffnet", saßen die Metallgewerkschafter in der Falle, als die Arbeitgeber vom Streit um Überstundenzuschläge und Durchrechnungszeiträume überraschend abrückten. Perplex, weil sich Kammerfunktionäre und Unternehmervertreter auf reine Entgeltverhandlungen verlegt hatten, pochten die Gewerkschafter im Jahr eins nach der Mega-Wirtschaftskrise ungerührt auf Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich.
Damit lag eine Agenda auf dem Tisch, die wohl aus sozialstaatsarchitektonischer Sicht zu den Zukunftsthemen gehören wird, mit der eine Herbstlohnrunde einer Branche aber schlicht überfordert ist.
Es stimmt, bei der Wochenarbeitszeit der Vollzeit-Arbeitnehmer gehört Österreich zu den Spitzenreitern in Europa. Steigt die Lebensarbeitszeit - und das wird sie müssen, wenn das Pensionssystem nicht kollabieren soll -, dann müssen wir die durch Erwerbsarbeit verursachten Gesundheitsprobleme in den Griff bekommen. Dazu würde eine Reduktion der Wochenarbeitszeit beitragen. Auch Kinderbetreuung und Altenpflege ließen sich mit mehr Freizeit besser bewältigen - und gerechter verteilen. Denn Österreich, und das ist die Kehrseite der Arbeitszeit-Medaille, spielt auch bei Teilzeitarbeit in der Spitzenliga: Besonders viele Frauen (fast die Hälfte der Erwerbstätigen) arbeiten mit unterdurchschnittlich kurzer Wochenarbeitszeit. Hier einen Ausgleich zu Vollzeit-Metallern schaffen, der gesellschaftlich einen Mehrwert brächte, lohnt sich -und würde auch nicht zur Deindustrialisierung führen, wie die Industrie argwöhnt. Dänemark und Schweden beweisen das.
Als Waffe gegen einen mit dem Schafspelz Arbeitszeitflexibilisierung getarnten Wolf Lohndrückerei, wie die Gewerkschaft meint, taugt Arbeitszeitverkürzung aber nicht. Sie schafft auch keine Jobs, weil dann Arbeitsplätze rationalisiert oder in Billiglohnländer verlagert werden.
Wäre es der Gewerkschaft ernst mit kürzerer Wochenarbeitszeit, würde sie anachronistische Sonderregelungen wie das Steuerprivileg für die fünfte bis zehnte Überstunde abschaffen. Sie kosten Geld und begünstigen jene aussterbende Spezies, die noch Überstunden bezahlt bekommt. Ihr Einfluss in der Regierung sollte reichen: Drei SPÖ-Minister sind ehemalige Gewerkschafter, zwei ÖVP-Minister im ÖAAB. Ein Schattenboxkampf, der Lohnrunden in die Länge zieht, nützt Sparpaket-belasteten Arbeitnehmern nicht.

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