Prammer gegen Aufhebung des Verbotsgesetzes Matinée im Volkstheater mit Wolf Biermann

Wien (PK) - Unter dem Ehrenschutz von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und auf Einladung von Direktor Michael
Schottenberg gedachte man auch heuer wieder im Volkstheater der Opfer der Novemberpogrome 1938. Die Kooperation von Parlament und Volkstheater findet nunmehr schon zum dritten Mal statt.

Künstlerisch wurde die Matinée vom Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann gestaltet, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden
war. Unter dem Titel "Großer Gesang des Jizchak Katzenelson" interpretierte Biermann seine Nachdichtung von Jizchak
Katzenelsons Poem "Vom ausgerotteten jüdischen Volk". Biermann schuf und vertonte die deutsche Nachdichtung der 15 Gesänge im
Jahr 1999.

Prammer: Nur eine starke Zivilgesellschaft kann den Anfängen
wehren

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer betonte, der 9. November 1938 sei nicht der Beginn der Gewaltattacken, Erniedrigungen und Demütigungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung gewesen. Begonnen habe dies schon, bevor die Wehrmacht die Grenzen Österreichs überschritten hat, eigenmächtig durchgeführt von Bürgerinnen und Bürgern.

Vor diesem Hintergrund hält Prammer die Debatte über die
Aufhebung des Verbotsgesetzes für "beschämend". Das Verbotsgesetz sei die Antwort auf die nationalsozialistischen Verbrechen und stelle einen der Grundpfeiler der Zweiten Republik dar. Sie, Prammer, halte es für unerträglich, wenn immer wieder versucht werde, mit Relativierungen das Gesetz zu umgehen.

Die Grenze des Tolerierbaren beginne viel früher als jene Grenze, die im Gesetz gezogen wird, sagte Prammer und unterstrich in
diesem Zusammenhang die Bedeutung einer starken
Zivilgesellschaft, um den Anfängen zu wehren. Demokratie sei mehr als die Summe von Institutionen einer Verfassung, Demokratie baue auf Prinzipien wie Toleranz, Respekt gegenüber Minderheiten und Zivilcourage auf. Sie beruhe auf dem festen Bekenntnis aller Bürgerinnen und Bürger, sich für diese Prinzipien einzusetzen.

Große Sorge bereitet der Nationalratspräsidentin der massive Zuwachs von rechtsextremen und neonazistischen Inhalten im
Internet. Dort würden Aufrufe zur Gewalt oder Wiederbetätigung verbreitet, die nichts anderes seien als ein Angriff auf die Demokratie, den Staat und letztendlich ein Aufruf zu einer
Straftat. Das Kuratorium des Nationalfonds habe daher erst vor wenigen Tagen festgehalten, dass alles daran zu setzen sei, sämtliche rechtliche Schritte gegen die BetreiberInnen solcher Verhetzungsplattformen auszuschöpfen.

Es gilt, den Anfängen zu wehren; Handeln ist das Gebot der
Stunde, so der Appell von Nationalratspräsidentin Barbara
Prammer.

Schottenberg: MigrantInnen von heute könnten Juden von morgen
sein

Die Bedeutung des Wissens um geschichtliche Ereignisse dieser grausamen Dimension wurde von Michael Schottenberg in seiner Rede herausgestrichen. Es stelle sich die große Frage des "Warum?", warum Menschen - oft ehemalige Nachbarn, Bekannte - plötzlich Freude daran hatten, jüdische MitbürgerInnen zu demütigen, deren Hab und Gut zu vernichten. MigrantInnen von heute könnten die
Juden von morgen sein, warnte er. Die Kritik an einer Politik,
die aktuelle Integrations- und Migrationsprobleme lediglich
verbal abhandelt, aber nicht handelt, dürfe nicht verschwiegen werden, so Schottenberg.

Wie Schottenberg ausführte, war Jizchak Katzenelson jüdischer Lehrer und Dichter in Polen. Nach dem Einmarsch der Deutschen
floh er von Lodz nach Warschau, geriet dort ins Ghetto und nahm aktiv am Aufstand im April 1943 teil. Seine Freunde schleusten
ihn über geheime Schlupflöcher heraus. Er landete im Sonder-KZ in Vittel, wo er seinen "Großen Gesang" niederschrieb - ein einzigartiges Zeugnis vom Leidensweg und Widerstand seines
Volkes, wie Schottenberg ausführte. Das Manuskript vergrub er, in Flaschen verpackt, unter einem Baum. Eine Kopie wurde 1944 in
einen Koffergriff eingenäht und durch eine Lagerkameradin, der er es übergeben hatte, nach Palästina geschmuggelt. In eben diesem Jahr starb Katzenelson in Auschwitz.

Biermann zu Katzenelsons Poem: Es ist gemalt mit schwarzen Tränen

Biermann schreibt im Programmheft über die Dichtung Katzenelsons:
"Es ist ein grauenhaft schönes Gemälde, gemalt mit schwarzen Tränen in den rauchschwarzen Himmel. Aber dennoch leuchtet ein irres Licht in dieser Finsternis. Warum? Darum: das Elend und der Widerstand sind haltbare Sprache geworden".

Biermann war auf das Poem 1992 durch Arno Lustiger, einen
polnischen Juden in Frankfurt, aufmerksam gemacht worden, der Auschwitz, Buchenwald und sogar das Lager Langenstein im Harz überlebt hat. Lustiger war von der Idee "besessen", wie Biermann formulierte, zu beweisen, dass es einen jüdischen Widerstand gegeben hat. Das Poem von Katzenelson war für ihn ein Beweis
dafür und er bat Biermann, eine Nachdichtung des Schlussgesangs
zu verfassen. Biermann hat aber dann nicht nur den Schlussgesang
ins Deutsche übersetzt, sondern war von der Dichtung so beeindruckt, dass er alle fünfzehn Gesänge "auf eigene Faust" in "sein Deutsch" gebracht hat. (Schluss)

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