"Kleine Zeitung" Kommentar: "Schlimmer als die Fehler ist der Umgang mit ihnen" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 06.11.2010

Graz (OTS) - Ein so tragischer Fall wie jener des Kärntner Krebspatienten, dem die falsche Niere entfernt wurde, lässt uns verzweifelt und ratlos zurück. Unverzeihlich und unentschuldbar sei so ein Fehler, wird allerorten betont. Schnell hört man die Forderung, dass Spitäler besser ausgestattet werden müssen und dass wir lückenlose Kontrollsysteme brauchen.

Diese Reaktion ist verständlich, aber sie fußt unausgesprochen auf einer gefährlichen Annahme: dass nämlich ein System fehlerlos gemacht werden kann, wenn man nur genügend Ressourcen bereitstellt, die Menschen bestmöglich ausbildet und das Geschehen intensiv kontrolliert.

Die Wirklichkeit ist anders. Sie hält eine banale und mitunter verhängnisvolle Wahrheit für uns bereit: Selbst unter Idealbedingungen wird menschliches Handeln immer fehleranfällig sein. Dass Menschen Fehler machen, gehört unentrinnbar zur conditio humana. Allerdings bedeutet das nicht, dass man nach einem schweren Arztfehler mit einem achselzuckenden "Kismet" zur Tagesordnung übergehen soll.

Ganz im Gegenteil: Hat man einmal erkannt, dass Fehler immer möglich sind, beginnt erst die Schwerarbeit der beharrlichen Fehlervermeidung. Die sogenannten "ultra safe technologies", also etwa Luftfahrt, Raumfahrt oder Kernenergie, sind von Grund auf in dem Bewusstsein organisiert, dass ständig Fehler passieren und man deshalb ein nie endendes Misstrauen braucht.

Anders im Spital: Dort muss man bis heute mühsam darum kämpfen, das Thema Fehlerkultur mit der ihm gebührenden Bedeutung aufzuladen. Die Ärzte waren lange die "Götter in Weiss" und wurden als solche in den Mythos der Unfehlbarkeit gehüllt. Das entsprach der Erwartungshaltung vieler Patienten. Sie legen sich ja nicht freiwillig unters Messer, sondern suchen Hilfe in höchster Not. Da wünschen sie sich nicht einen zweifelnden Arzt, der seine eigene Unzulänglichkeit reflektiert, sondern den Übermenschen - den Heiland mit magischen Händen.

In einer kürzlich durchgeführten Befragung hat jeder vierte Chefarzt dem Satz zugestimmt, Jungärzte sollten die Entscheidungen Älterer keinesfalls infrage stellen. Solch trügerische Selbstsicherheit ist der Boden, auf dem das Verhängnis gedeiht. Fehlerkultur muss bedeuten: Kritik ist von allen Seiten erwünscht. Das Eingeständnis von Fehlern (auch von folgenlosen Beinahe-Fehlern) wird als wertvoller Beitrag für Lernprozesse anerkannt. Zumindest diese Einsicht sollten wir aus gegebenem Anlass gewinnen.****

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