• 05.11.2010, 10:00:15
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Sind gerechte Gesellschaften gesünder?

Die Bedeutung von Wachstum, Bildung und Verteilung für die Gesundheit

Wien (OTS/WIFO) - Im internationalen Vergleich ist Österreich eine
relativ egalitäre Gesellschaft. Bezüglich der Relation der höchsten
zu den niedrigen Einkommen gehört Österreich zu den fünf Ländern mit
der niedrigsten Spreizung. Auch nach anderen Verteilungsmaßen liegt
Österreich etwa gleichauf mit den skandinavischen Ländern. Die
Armutsgefährdungsquote ist unterdurchschnittlich, sie beträgt
konstant etwas über 12%. Die Bildungsteilnahme ist in hohem Maße
vererbt. Bildung und ihre Verteilung bestimmen aber andererseits über
Lebenschancen, Lebenserwartung und Gesundheit: Personen mit
Hochschulabschluss haben eine um drei bis sechs Jahre höhere
Erwartung gesunder Lebensjahre als jene mit Pflichtschulabschluss.

Der englische Wirtschaftshistoriker Richard G. Wilkinson1) misst
die Gesundheits- und Sozialsysteme nach einem Bündel von Indikatoren.
Dazu zählen psychische Erkrankungen sowie Alkohol- und Drogensucht,
Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit, Schulleistungen,
Teenager-Schwangerschaften, Selbstmorde, Gefängnisstrafen, soziale
Mobilität, Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen und die
Lebenserwartung. Nach diesem Index liegt Österreich im Mittelfeld (an
13. Stelle unter 21 Ländern bzw. 10. Stelle unter den EU-Ländern).
Führend sind Japan und Schweden, am unteren Ende rangieren die USA,
Portugal und Großbritannien. Besonders negativ für die
österreichische Reihung sind der geringe Grad des gesellschaftlichen
"Vertrauens", die Genderungleichheit und Mängel im Bildungssystem.

Deutlich unterscheidet sich die Bezahlung zwischen Frauen und
Männern, oft bedingt durch lange Unterbrechungen der Erwerbskarriere
von Frauen und damit den Verlust von Aufstiegschancen nach der Geburt
eines Kindes. Die Genderungleichheit bedeutet auch wirtschaftlich
eine Ressourcenvergeudung, weil heute die formale Bildung der
weiblichen Bevölkerung gleich oder im Bereich der jüngeren
Bevölkerung höher ist als die der Männer. Sie ist auch für Männer
gemessen an der Lebenserwartung ein Nachteil: Wo größere ökonomische
Gleichheit zwischen den Geschlechtern besteht, leben beide - Männer
und Frauen - länger.

Bildung ist in Österreich in hohem Maße vererbt. Jugendliche mit
einem Elternteil mit höherer Ausbildung haben eine dreimal so große
Chance, eine tertiäre Ausbildung abzuschließen, wie Jugendliche,
deren Eltern keine höhere Ausbildung abgeschlossen haben. Die
Lebenserwartung der 35-jährigen Männer mit Pflichtschulabschluss
beträgt 75,1 Jahre, wenn sie einen Hochschulabschluss haben 81,2
Jahren, für Frauen 81,6 bzw. 84,4 Jahre. Durch höhere Schulbildung
können also sechs bzw. drei Jahre Lebenszeit gewonnen werden.

In Österreich entspricht die Lebenserwartung insgesamt nur dem
EU-Durchschnitt, während die Pro-Kopf-Einkommen zu den höchsten in
Europa gehören. Die Lebenserwartung beträgt derzeit bei der Geburt
80,4 Jahre (6. Rang in der EU), im Durchschnitt der EU 15 liegt sie
bei 80,3 Jahren und ist damit höher als in den USA (78,4 Jahre). Die
Lebenserwartung bezogen auf Jahre in Gesundheit ist in Österreich
sogar unterdurchschnittlich (Frauen 59,5 Jahre, Männer 58 Jahre,
EU-Durchschnitt 62 bzw. 61 Jahre). Österreich liegt damit an 19. bzw.
21. Stelle in einem Sample von Industrieländern (an 12. bzw. 14.
Stelle der EU 15).

Die Sozialquote (Sozialausgaben in Prozent des BIP) war in
Österreich 2008 mit 28,3% höher als im EU-Durchschnitt (25,2%) und
hat mittelfristig steigende Tendenz (1990: 25%). Ein relativ hoher
Anteil der Sozialausgaben entfällt auf Pensionen und monetäre
Familienleistungen (auch Gesundheitsausgaben sind unter
Sozialausgaben erfasst), ein niedriger auf Arbeitslosenunterstützung.

Angesichts dieser Befunde ist die Position Österreichs bezüglich
der Indikatoren von Wilkinson überraschend: Der relativ hohe Anteil
der Gesundheits- und Sozialausgaben passt nicht mit den nur
durchschnittlichen Erfolgsindikatoren zusammen. Es kommt offfenbar
darauf an, ob erwartete Probleme vor ihrem Entstehen oder manifeste
Probleme nach ihrem Auftreten bekämpft werden. Insgesamt ist in
Gesellschaften mit geringeren Bildungsunterschieden die gesamte
Lebenserwartung sowie die Lebenserwartung in Gesundheit höher. Solche
Gesellschaften bieten höheres Wachstum und mehr
Beschäftigungschancen.

Die Trends der Globalisierung und der technologische Wandel, die
qualifizierte Arbeitskräfte erfordern, haben eher eine ungleichere
Einkommensverteilung zur Folge. Die politische Gegensteuerung über
Bildungs- und Steuerpolitik sowie positive Anreize zur
Erwerbsbeteiligung muss daher noch gezielter an der Wurzel des
Problems ansetzen. Der Ausgleich der Bildungschancen verringert die
Einkommensunterschiede, senkt die Gesundheitskosten, erhöht die
Lebenserwartung und sichert Beschäftigung. Den Vorteil daraus hat die
gesamte Gesellschaft, und langfristig profitieren auch jene, die
höhere Einkommen beziehen.

1) Wilkinson R., Pickett K., The Spirit Level. Why Greater
Equality Makes Societies Stronger, Bloomsbury Press, New
York-Berlin-London, 2009.

Vortrag von Prof. Dr. Karl Aiginger anlässlich der 4.
Sozialstaatsenquete des Hauptverbandes der österreichischen
Sozialversicherungsträger, Wien, 5. November 2010

Rückfragehinweis:
Prof. Mag. Dr. Karl Aiginger
Leiter
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-210 * Fax. +43 1 798 93 86
mailto:Karl.Aiginger@wifo.ac.at

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