Sind gerechte Gesellschaften gesünder?

Die Bedeutung von Wachstum, Bildung und Verteilung für die Gesundheit

Wien (OTS/WIFO) - Im internationalen Vergleich ist Österreich eine relativ egalitäre Gesellschaft. Bezüglich der Relation der höchsten zu den niedrigen Einkommen gehört Österreich zu den fünf Ländern mit der niedrigsten Spreizung. Auch nach anderen Verteilungsmaßen liegt Österreich etwa gleichauf mit den skandinavischen Ländern. Die Armutsgefährdungsquote ist unterdurchschnittlich, sie beträgt konstant etwas über 12%. Die Bildungsteilnahme ist in hohem Maße vererbt. Bildung und ihre Verteilung bestimmen aber andererseits über Lebenschancen, Lebenserwartung und Gesundheit: Personen mit Hochschulabschluss haben eine um drei bis sechs Jahre höhere Erwartung gesunder Lebensjahre als jene mit Pflichtschulabschluss.

Der englische Wirtschaftshistoriker Richard G. Wilkinson1) misst die Gesundheits- und Sozialsysteme nach einem Bündel von Indikatoren. Dazu zählen psychische Erkrankungen sowie Alkohol- und Drogensucht, Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit, Schulleistungen, Teenager-Schwangerschaften, Selbstmorde, Gefängnisstrafen, soziale Mobilität, Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen und die Lebenserwartung. Nach diesem Index liegt Österreich im Mittelfeld (an 13. Stelle unter 21 Ländern bzw. 10. Stelle unter den EU-Ländern). Führend sind Japan und Schweden, am unteren Ende rangieren die USA, Portugal und Großbritannien. Besonders negativ für die österreichische Reihung sind der geringe Grad des gesellschaftlichen "Vertrauens", die Genderungleichheit und Mängel im Bildungssystem.

Deutlich unterscheidet sich die Bezahlung zwischen Frauen und Männern, oft bedingt durch lange Unterbrechungen der Erwerbskarriere von Frauen und damit den Verlust von Aufstiegschancen nach der Geburt eines Kindes. Die Genderungleichheit bedeutet auch wirtschaftlich eine Ressourcenvergeudung, weil heute die formale Bildung der weiblichen Bevölkerung gleich oder im Bereich der jüngeren Bevölkerung höher ist als die der Männer. Sie ist auch für Männer gemessen an der Lebenserwartung ein Nachteil: Wo größere ökonomische Gleichheit zwischen den Geschlechtern besteht, leben beide - Männer und Frauen - länger.

Bildung ist in Österreich in hohem Maße vererbt. Jugendliche mit einem Elternteil mit höherer Ausbildung haben eine dreimal so große Chance, eine tertiäre Ausbildung abzuschließen, wie Jugendliche, deren Eltern keine höhere Ausbildung abgeschlossen haben. Die Lebenserwartung der 35-jährigen Männer mit Pflichtschulabschluss beträgt 75,1 Jahre, wenn sie einen Hochschulabschluss haben 81,2 Jahren, für Frauen 81,6 bzw. 84,4 Jahre. Durch höhere Schulbildung können also sechs bzw. drei Jahre Lebenszeit gewonnen werden.

In Österreich entspricht die Lebenserwartung insgesamt nur dem EU-Durchschnitt, während die Pro-Kopf-Einkommen zu den höchsten in Europa gehören. Die Lebenserwartung beträgt derzeit bei der Geburt 80,4 Jahre (6. Rang in der EU), im Durchschnitt der EU 15 liegt sie bei 80,3 Jahren und ist damit höher als in den USA (78,4 Jahre). Die Lebenserwartung bezogen auf Jahre in Gesundheit ist in Österreich sogar unterdurchschnittlich (Frauen 59,5 Jahre, Männer 58 Jahre, EU-Durchschnitt 62 bzw. 61 Jahre). Österreich liegt damit an 19. bzw. 21. Stelle in einem Sample von Industrieländern (an 12. bzw. 14. Stelle der EU 15).

Die Sozialquote (Sozialausgaben in Prozent des BIP) war in Österreich 2008 mit 28,3% höher als im EU-Durchschnitt (25,2%) und hat mittelfristig steigende Tendenz (1990: 25%). Ein relativ hoher Anteil der Sozialausgaben entfällt auf Pensionen und monetäre Familienleistungen (auch Gesundheitsausgaben sind unter Sozialausgaben erfasst), ein niedriger auf Arbeitslosenunterstützung.

Angesichts dieser Befunde ist die Position Österreichs bezüglich der Indikatoren von Wilkinson überraschend: Der relativ hohe Anteil der Gesundheits- und Sozialausgaben passt nicht mit den nur durchschnittlichen Erfolgsindikatoren zusammen. Es kommt offfenbar darauf an, ob erwartete Probleme vor ihrem Entstehen oder manifeste Probleme nach ihrem Auftreten bekämpft werden. Insgesamt ist in Gesellschaften mit geringeren Bildungsunterschieden die gesamte Lebenserwartung sowie die Lebenserwartung in Gesundheit höher. Solche Gesellschaften bieten höheres Wachstum und mehr Beschäftigungschancen.

Die Trends der Globalisierung und der technologische Wandel, die qualifizierte Arbeitskräfte erfordern, haben eher eine ungleichere Einkommensverteilung zur Folge. Die politische Gegensteuerung über Bildungs- und Steuerpolitik sowie positive Anreize zur Erwerbsbeteiligung muss daher noch gezielter an der Wurzel des Problems ansetzen. Der Ausgleich der Bildungschancen verringert die Einkommensunterschiede, senkt die Gesundheitskosten, erhöht die Lebenserwartung und sichert Beschäftigung. Den Vorteil daraus hat die gesamte Gesellschaft, und langfristig profitieren auch jene, die höhere Einkommen beziehen.

1) Wilkinson R., Pickett K., The Spirit Level. Why Greater Equality Makes Societies Stronger, Bloomsbury Press, New York-Berlin-London, 2009.

Vortrag von Prof. Dr. Karl Aiginger anlässlich der 4. Sozialstaatsenquete des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, Wien, 5. November 2010

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