NÖ Ärzte fordern Zuwendungsmedizin statt Industriemedizin

Hochkarätige Diskussionsrunde in Niederösterreich warf kritischen Blick hinter die Kulissen des Gesundheitssystems

Wien (OTS) - Unser Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps - doch wer trägt die Schuld daran? Und wie lässt sich die medizinische Versorgung für die Zukunft retten? Derzeit bringt ein aufgeblähter Verwaltungs- und Kontrollapparat den Ärztinnen und Ärzten beinahe täglich neue Protokolle und Formulare und erfindet immer neue Hürden. Ist das die Perspektive für die Zukunft?
Dr. Günther Loewit, Arzt, Schriftsteller und Kammerrat der Ärztekammer für Niederösterreich, hat sich in seinem Buch "Der ohnmächtige Arzt" mit diesen Entwicklungen auseinandergesetzt. Dies war der Anlass für die NÖ Ärztekammer, in Kooperation mit der lokal tätigen IGMed rund um die ökonomischen Rahmenbedingungen im Spital und in der Niederlassung sowie über die von der Politik vorgegebene Marschrichtung des Gesundheitswesens als Ganzes in den kommenden Jahren zu diskutieren.

Zwitl.: Der Faktor Zeit wird in unserem System unzureichend bewertet

Etwa 200 Personen, darunter zahlreiche Ärztinnen und Ärzte, aber auch Patientinnen und Patienten sind der Einladung gefolgt. Neben den Funktionären der NÖ Ärztekammer waren der Autor des Buches Dr. Günther Loewit, Dr. Franz Svehla als Vertreter der IGMed sowie die beiden Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka und Dr. Sepp Leitner am Podium vertreten. Ausgehend von zwei gelesenen Textstellen aus dem Buch entwickelte sich eine lebhafte, aber fair geführte kontroversielle Diskussion rund um die aktuellen Probleme sowie die Zukunft des Systems.
"Der Faktor Zeit wird unzureichend bewertet, egal in welchem Vertragsverhältnis ein Arzt steht", so der Präsident der NÖ Ärztekammer, Dr. Christoph Reisner. Man müsse sich aus seiner Sicht von dem Gedanken lösen, dass Medizin "beziehungslos" funktioniert. "Man kann Medizin nicht mit beispielsweise einer Autoproduktion vergleichen. Ich bin zwar grundsätzlich für Qualitätssicherung eingestellt. Aber man kann nicht alles im Leben ausschließlich qualitätsgesichert betreiben. Ein leidender Patient kann nie ein Kunde sein. Man kann ihn nicht wie in einem Verkaufsgespräch beraten", so Präsident Dr. Reisner.

Zwitl.: Kosteneffizientes Arbeiten ist zu unterstützen, aber es muss am Patienten orientiert sein

Dr. Ronald Gallob, Kurienobmann der angestellten Ärzte, nannte ein Beispiel der Bürokratisierungsproblematik aus seiner Sicht: "In meinem Fach passiert es oft, dass Patienten sofort zu versorgen und gegebenenfalls zu operieren sind. Heutzutage ist leider zu beobachten, dass sich zunächst einmal alle an der Behandlung beteiligten Personen an den Computer stellen, um dort alle Pflichtfelder ausgefüllt zu haben, bevor die Arbeit am Patienten beginnen kann, der solange zu warten hat. Das kann aus meiner Sicht nicht effizient sein."
Kosteneffizientes Arbeiten ist aus seiner Sicht zu unterstützen, aber es muss am Patienten orientiert sein. "Es muss uns auch noch ermöglicht werden, mit dem Patienten zu sprechen. Wir werden uns sicher nicht weiter in die beschriebene Ohnmacht hineintreiben lassen. Wir werden bemüht sein, unsere fachliche Qualität bestmöglich an unsere Patientinnen und Patienten weiterzugeben", so Dr. Gallob.

Zwitl.: Warum wird ärztliche Leistung immer schlechter honoriert?

Dr. Harald Schlögel als Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte artikulierte sein Unverständnis, warum das System die medizinische Leistung der Ärzteschaft immer schlechter honoriert. "Dazu kommt eine immer größere bürokratische Belastung. Die Rahmenbedingungen im öffentlichen Gesundheitssystem gehören rasch geändert."
Dr. Schlögel bekannte sich zur Bereitschaft, gemeinsam mit den Verantwortlichen die notwendigen Veränderungen einzuleiten: "Es ist unsere Aufgabe aufzuzeigen, dass die Politik mehr auf uns hören sollte. Fachlich und aus ökonomischer Sicht ist jedenfalls das Einhalten der so genannten "Gesundheitsversorgungspyramide" einzufordern. Also dass je nach Grad der Erkrankung der dafür vorgesehene Einstieg ins Versorgungssystem erfolgt."

Zwitl.: Von der Politik brauchen wir Mut für Entscheidungen und Mut für Veränderungen

"Wir müssen jedenfalls rasch umdenken, und zwar weg von der Industriemedizin hin zur Zuwendungsmedizin", so Präsident Dr. Reisner zum Abschluss. "Wir müssen der Realität ins Auge sehen. Medizin wird besser, die Menschen werden älter, immer mehr Behandlungen werden notwendig. Wir brauchen daher auch die Bereitschaft der Politik, mehr Geld für das System zu verwenden. Die Ärzteschaft braucht sich jedoch nicht ohnmächtig zu fühlen. Wir sind die einzige Berufsgruppe, die in der Lage ist, Patienten zu behandeln. Von der Politik brauchen wir jedoch Mut für Entscheidungen und Mut für Veränderungen."

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