"Praxisausbildung in der Medizin - quo vadis?

Wien (OTS) - Hochkarätig besetzte Diskussionsrunde bei Veranstaltung des Alumni Clubs der MedUni Wien:

Auf Einladung von Vizerektorin und Alumni Club-Präsidentin Karin Gutiérrez-Lobos diskutierten am 3. November Bundesministerin Karl, VertreterInnen der MedUni Wien, des Gesundheitsministeriums, der Ärztekammer und JungmedizinerInnen über neue Wege in der Praxisausbildung von MedizinstudentInnen.

Schlecht bezahlt - überfordert - schlecht ausgebildet

Kritikpunkte an der aktuellen Praxisausbildung gibt es viele:
JungärztInnen verbringen einen Großteil ihrer Ausbildungszeit mit administrativen Tätigkeiten, arbeiten als schlecht bezahlte SystemerhalterInnen und fühlen sich in der Folge schlecht ausgebildet. Lange Ausbildungszeiten, da die Berufszulassung erst nach absolviertem Turnus und/oder abgeschlossener Facharztausbildung erfolgen kann. Auch hinsichtlich der Mobilität innerhalb der EU sind österreichische Medizin-AbsolventInnen benachteiligt: Eine Migration in andere EU-Staaten ist für sie derzeit meist erst nach dem Allgemeinturnus oder als Facharzt/-ärztin möglich - also wesentlich später als in anderen EU-Ländern.

"Eine Neustrukturierung der Praxisausbildung von Medizinstudentinnen und -studenten wird derzeit intensiv diskutiert. Doch wie soll sie aussehen? Lehrpraxis statt dreijährigem Turnus? Turnusintegrierung ins Studium und Abschluss mit Teilapprobation? Oder soll der Weg zum Facharzt bzw. zur Fachärztin verkürzt und im Gegenzug ein Facharzt bzw. eine Fachärztin für Allgemeinmedizin geschaffen und so der Weg zum Allgemeinmediziner bzw. zur Allgemeinmedizinerin verlängert werden? Welche Form der Praxisausbildung macht unsere Medizinabsolventinnen und -absolventen zu wirklich gut ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten?", fragte Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos am Beginn der Diskussion.

Turnus und Ius practicandi - ein Auslaufmodell?

Für Univ.-Prof. Dr. Rudolf Mallinger, Vizerektor für Studium und Lehre, ist der gängige Turnus ein Auslaufmodell: "Die Turnusausbildung für österreichische Mediziner und Medizinerinnen ist in die Jahre gekommen. Teilweise schlechte Arbeitsbedingungen mit einem Tätigkeitsprofil, das eher einer Hilfskraft als einem Akademiker bzw. einer Akademikerin entspricht, kontrastieren immer mehr mit einer durch die Reform der Medizincurricula an den österreichischen Medizin Unis neu strukturierten Praxisausbildung während des Medizinstudiums."

Mallinger ortet auch hinsichtlich der Chancengleichheit von österreichischen JungmedizinerInnen in der EU Handlungsbedarf:
"Während bei Absolventen und Absolventinnen der Zahnmedizin eine selbständige Berufsausübung unmittelbar nach dem Studium bereits seit Einführung des Zahnmedizinstudiums 1998 in Österreich möglich ist, müssen Humanmediziner und Humanmedizinerinnen zuerst den Turnus und/oder die Fachausbildung absolvieren. Durch das Verbot einer selbständigen ärztlicher Tätigkeit von Humanmedizinern und -medizinerinnen unmittelbar nach dem Studium ist die Mobilität österreichischer Absolventen und Absolventinnen im europäischen Raum deutlich eingeschränkt." Und so sei es ist daher höchste Zeit, die postgraduelle (Allgemein-) MedizinerInnenausbildung einer Reform zu unterziehen.

Auch der Rektor der MedUni Wien, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz sieht heimische MedizinabsolventInnen benachteiligt: "Unsere Absolventen und Absolventinnen sind durch den Turnus 3 Jahre gegenüber ihren Kollegen und Kolleginnen aus den meisten europäischen Ländern stark benachteiligt, da sie nicht sofort als Arzt bzw. Ärztin tätig sein können. Wir planen daher bereits seit einiger Zeit an der MedUni Wien ein Praxisjahr als Teil des Studiums, um den praktischen Aspekt der ärztlichen Ausbildung noch stärker zu betonen. Damit sind bereits die AbsolventInnen approbationsfähig." Damit begrüßt er den Vorstoß von Wissenschaftsministerin Karl, die den Turnus ins Studium integrieren möchte. Schütz weiter: "Mit der Initiative von Ministerin Karl steht einer deutlichen Kürzung der Ausbildungszeit und damit einem schnelleren Übergang in die Praxis nichts mehr im Wege. Und Österreich wird durch die Abschaffung des Turnus für Jungmediziner und -medizinerinnen als Arbeitsplatz erheblich attraktiver."

Eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit wünscht sich auch die Jungärztin und stellvertretende Senatsvorsitzende der Kurie der Studierenden und Doktoratsstudierenden des Senates der MedUni Wien:
"Die österreichische Approbations- und Ausbildungsordnung muss dringend effizienter gestaltet werden, damit unsere AbsolventInnen und JungärztInnen international wettbewerbsfähig sein können."

"Die verlängerte Ausbildungszeit und die Verschiebung von nichtärztlichen Tätigkeiten zu den Turnusärzten und Turnusärztinnen wird durch den immer noch bestehenden Überschuss an Jungmedizinern und -medizinerinnen verursacht", erklärt Dr. Martin Andreas, Referent für Jungmediziner der Ärztekammer für Wien."Eine konsequente österreichweite Planung der Ausbildung von Beginn des Studiums bis zum Ende der Fachausbildung ist dringend notwendig."

Dr. Thomas Holzgruber, Kammeramtsdirektor der Ärztekammer für Wien, sieht die derzeitige Ausbildung ebenfalls als überarbeitungsbedürftig: "Eine praxisorientierte Ausbildung ist das Um und Auf in der medizinischen Ausbildung. Durch die zunehmenden Verwaltung, Bürokratie sowie Personaleinsparungen werden aber Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung immer mehr zu Systemverwaltern, und die Praxisnähe der Ausbildung leidet. Hier ist dringend eine Entlastung der Turnusärzte von Bürokratie und mehr Zeit für die Fokussierung auf das Wesentliche, nämlich die Patientenbetreuung, zu fordern."

Ärztekammer fordert Lehrpraxis

Zudem, so Holzgruber weiter, sei es in ganz Europa und auch im Rest der Welt üblich, dass vom Staat unterstützt, junge AllgemeinmedizinerInnen ihre Ausbildung auch in Praxen niedergelassener ÄrztInnen absolvieren können. "In Österreich ist es seit Jahrzehnten nicht möglich, ein ordentliches und international herzeigbares System einer Lehrpraxisförderung für die allgemeinmedizinische Ausbildung zu etablieren. Obwohl alle Bundesregierungen den Hausarzt bzw. die Hausärztin stärken wollen, hat bis jetzt keine Bundesregierung auch nur ansatzweise dieses Problem aufgegriffen. Die Österreichische Ärztekammer wird in dieser Frage aber nicht locker lassen. Die strukturierte praxisorientierte Ausbildung der AllgemeinmedizinerInnen in einer Lehrpraxis ist ein evidentes Qualitätselement in der ambulanten Versorgung. Wenn man nicht rasch die für die Finanzierung notwendigen ungefähr 11 Millionen Euro vom Bund und den Ländern zur Verfügung stellt, soll es niemanden mehr wundern, wenn die praxisorientierte postpromotionelle Ausbildung in Österreich in die Sackgasse gerät und wir auch keine Hausärzte und Hausärztinnen mehr haben, da es dann für junge Ärztinnen und Ärzte ökonomisch unmöglich ist, eine derartige Ausbildung anzustreben".

Hon. Prof. MR Dr. Gerhard Aigner, Sektionschef am Gesundheitsministerium relativiert und warnt vor Veränderungen: "Die Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte ist eine zentrale Herausforderung für die Gesundheitspolitik, zumal durch die Dauer der Ausbildung Anpassungen und Änderungen kurzfristig nicht möglich sind. Quantität und Qualität sind dabei in gleichen Maßen zu wahren. Die Ausbildung muss Garantie dafür sein, dass die künftig zur Versorgung benötigten Ärztinnen und Ärzte nicht nur in ausreichender Zahl, sondern auch mit den entsprechenden Qualifikationen zur Verfügung stehen. Dies ist mit der bisherigen Teilung in Studium und postpromotioneller Turnusausbildung gelungen. Veränderungen seien reiflich überlegt, kurzfristige Änderungen könnten auch zu unerwünschten Nebenwirkungen und Langzeitfolgen führen."

Bundesministerin Dr.in Beatrix Karl fasste abschließend zusammen:
"Es ist mir ein besonderes Anliegen, die Situation von Jungärzten und -ärztinnen, soweit das in meinen Zuständigkeitsbereich fällt, zu verbessern. Wichtig ist mir, dass wir genügend Studienabsolventen und -absolventinnen in Österreich haben, die auch hier bleiben. Ziel soll es sein, die durchschnittliche Ausbildungsdauer für Ärzte und Ärztinnen in Österreich unter Beibehaltung der guten Qualität zu reduzieren und damit die Attraktivität des Ärzteberufes, insbesondere im Bereich Allgemeinmedizin, zu steigern."

Der Alumni Club der MedUni Wien

Universitas - Scientia - Humanitas: Der 2008 gegründete Verein ist die postgraduale Wissens-, Dialog- und Karriereplattform für AbsolventInnen der MedUni Wien. Das zentrale Anliegen des Clubs ist die Verknüpfung von beruflicher Praxis und universitärem Dialog. Das Generationen-übergreifende Netzwerk der MedUni Wien bietet vielfältige Gelegenheit zu fachlichem und persönlichem Austausch. PartnerInnen und UnterstützerInnen des Alumni Clubs sind: Medical University of Vienna International, Die Erste Bank, Die Presse, ASCINA - Österreichisches Forschungsnetzwerk in Nordamerika, KHM und Ärzte ohne Grenzen.

Infos: www.alumni-meduniwien.at

Rückfragen & Kontakt:

Mag.a Michaela Zykan
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