"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Patriotismus kann Zukunft haben"

Wir Österreicher müssen uns global behaupten. Das geht nur gemeinsam.

Wien (OTS) - Früher einmal haben wir am 26. Oktober den "Tag der Fahne" gefeiert. Rot-Weiß-Rot als nationale Identität der Zweiten Republik, das hat Gemeinsamkeit symbolisiert. Wenn heute Abend Bundespräsident Heinz Fischer in beiden Kanälen des ORF zu uns spricht, dann wird er vor zwei Fahnen sitzen - neben der österreichischen sehen wir die 12 goldenen EU-Sterne auf blauem Grund. Fast unübersichtlich wird es, wenn ein Landeshauptmann zur Feierstunde bittet. Dann kommt noch die Flagge des Bundeslandes dazu. Womit identifizieren wir uns heute? Mit der EU - wenig. Dem Bundesland, wenn es nach den Landeshauptleuten geht, die Nation wurde selbstverständlich, aber wer ist noch stolz auf Österreich, gibt es gar Liebe zur Heimat?
Der frühere deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann (1969-1974) hat einmal gesagt, er könne seine Heimat nicht lieben, lieben tue er nur seine Frau. Stolz muss auch nicht sein, der führt schnell zu irrationalem Nationalismus. Unsere Identität kann nur auf Gemeinsamkeiten aufbauen - die Geschichte, große Erfolge, Leistungen, die von der Gemeinschaft errungen wurden, oder noch besser: eine Zukunftsperspektive, die für die große Mehrheit der Bevölkerung reizvoll ist.
Das letzte gemeinsame Projekt unseres Landes liegt schon viele Jahre zurück. Der Beitritt zur europäischen Union wurde von der Regierung Vranitzky/Busek und tatkräftiger Mithilfe durch Außenminister Mock gut vorbereitet. Die Vorteile waren klar, manche spürten gar Begeisterung für das Aufheben der engen Grenzen, gerade auch den Grenzen in den Köpfen. Doch seither wird die EU lieber als Sündenbock für politische Fehler im Land verwendet als zur Motivation, sich als Österreicher in Europa bewähren.
Überhaupt ist die Politik eher darauf aus, Teile des Volkes gegeneinander aufzubringen. Wir leben in einem der schönsten Länder der Erde mit den besten Lebensmitteln. Statt Dank an die Bauern vergeht kein Tag, ohne dass SPÖ-Politiker Neid gegen die Empfänger von Agrar-Geldern schüren. Schlägst du meinen Bauern, prügel ich deine ÖBBler, sagt der ÖVP-Kollege. Und die FPÖ feiert Erfolge damit, dass sie ganze Teile der Bevölkerung ausgrenzen will.
Aber wer ist überhaupt Österreicher? Wohl jeder, der hier Heimat spürt, auf Dauer da leben will, Gesetze und Traditionen akzeptiert und bereit ist, etwas für die Allgemeinheit, für Österreich beizutragen.
Patriotismus als positives Wir-Gefühl kann aber nur aus einem Zukunftsprojekt entstehen. Das müssen Bund und Länder entwickeln, statt sinnlose Revierkämpfe aufzuführen. Und das Projekt kann nur ein Ziel haben: Wie fördern Leistungen in Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, Kultur und Sport und stellen diese international so dar, dass Österreich attraktiv bleibt: für Menschen, die daran glauben, dass sie hier ihre Begabungen ausleben können, dass sie hier mehr erreichen können als anderswo. Das wäre ein zeitgemäßer Patriotismus, ein Österreich-Bewusstsein mit Zukunftschancen.

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