"Kleine Zeitung" Kommentar: "Plädoyer für eine Verschweizerung" (Von Stefan Winkler

Ausgabe vom 16.10.2010

Graz (OTS) - Was für ein Gegensatz! Während die Bohrmaschine "Sissi" tief unter dem Sankt Gotthard die letzten anderthalb Meter Fels wegfräste und den Weg freimachte für den längsten Tunnel der Welt, donnerte 200 Kilometer weiter östlich in einer stinkenden Wolke aus Ruß und Lärm auch gestern wieder der internationale Schwerverkehr über den Brenner gen Süden.

Eidgenössischer Pioniergeist gegen den verkehrspolitischen Kleinmut unserer Regierenden. Schweizer Zielstrebigkeit gegen kakanische Sumperei?

Seit 40 Jahren geistert auch hüben wie drüben der österreichisch-italienischen Grenze die Superröhre durch die Politikerköpfe. Aus Furcht, der Brennerbasistunnel könnte in Zeiten explodierender Budgetdefizite zum Milliardengrab geraten, droht das Mammutprojekt nun jedoch endgültig zur ewigen Baustelle zu verkommen.

Auf bittere Weise rächt sich jetzt der mangelnde Biss der rot-weiß-roten EU-Beitrittsverhandler von anno dazumal. Diese hatten mit der EU zwar vereinbart, durch die schrittweise Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene die transitgeplagten Tiroler zu entlasten. Zugleich verabsäumten sie es, für Österreich das Sonderrecht zu erstreiten, wie unsere Schweizer Nachbarn den Umstieg mit hohen Lkw-Mauten zu erzwingen. Ohne verbindliche Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene ist der Brennerbasistunnel aber sinnlos.

Denn solange der Transport über die Straße günstiger bleibt als die Verladung der Waren auf Güterzüge, werden die Sattelschlepper weiter über die Autobahn rollen. Daran wird auch die neue Wegekostenrichtlinie nichts ändern, auf die sich die EU-Verkehrsminister verständigt haben. Zwar werden die Frächter erstmals für Dreck und Lärm zur Kasse gebeten. Es sind aber nur minimale Mautaufschläge, ein Tropfen auf den heißen Stein. Von gleichen Wettbewerbsbedingungen für Straße und Schiene bleibt man weiterhin Lichtjahre entfernt.

Die Tiroler werden also noch lange mit der Verkehrshölle und den leeren Versprechungen aus Wien leben müssen.

Unsere Nachbarn im Westen hingegen haben uns eindrucksvoll vorgemacht, wie es geht.

Das entbehrt nicht der Ironie. Denn wenn ein Volk hierzulande im Ruf der Verschrobenheit, Bedächtigkeit und Kleinstaaterei steht, so sind es die Eidgenossen. Richtig ist, dass wir uns in Sachen Alpentransversale von ihrer Konsequenz und Unnachgiebigkeit gegenüber Brüsseler Maximalforderungen einiges abschauen könnten. Ein bisserl Verschweizerung täte uns Österreichern mitunter ganz gut.****

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