Ärztliche Nahversorgung vor dem Aus?

Wenn keine rasche Einsicht der Politik kommt, muss das zumindest für Niederösterreich befürchtet werden

Wien (OTS) - In Niederösterreich werden 55 Prozent aller Hausärztinnen und Hausärzte im Laufe der kommenden zehn Jahre in Pension gehen. Dadurch wird es demnächst zu einem gewaltigen Generationenwechsel im Bereich der Allgemeinmedizin kommen. Doch woher sollen die Nachfolger von Kassenstellen kommen? "Die zunehmende Unattraktivität als niedergelassener Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag zu arbeiten, könnte rasch dazu führen, dass sich Stellen nicht mehr besetzen lassen. Die Problematik der ärztlichen Hausapotheken wird diesen Umstand sicherlich noch verschärfen", so Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer.
Die Zukunft der ärztlichen Nahversorgung unter diesem Aspekt war Gegenstand einer Diskussionsrunde in Rabenstein an der Pielach, veranstaltet durch NÖ Ärztekammer in Kooperation mit dem Forum Land (einer Initiative des NÖ Bauernbundes) sowie der Marktgemeinde Rabenstein selbst. "Rabenstein ist eine der zahlreichen Gemeinden, die aufgrund der bestehenden Gesetzgebung bei Übergabe der Kassenplanstelle an einen Nachfolger die ärztliche Hausapotheke verlieren wird. Mit allen negativen Konsequenzen für die Bevölkerung", so Präsident Dr. Reisner.

Zwitl.: Politik schiebt Verantwortung gerne auf andere ab

250 Bürgerinnen und Bürger sind der Einladung gefolgt, sich die Situation vor Ort und die Konsequenzen für die ärztliche Nahversorgung darstellen zu lassen. Auch zahlreiche Bürgermeister von anderen betroffenen Gemeinden waren anwesend. "Von den in Niederösterreich etwa 100 Standorten mit mittelfristig gefährdeten ärztlichen Apotheken ist bei etwa 60 Stück realistisch damit zu rechnen, dass durch den Wegfall dieser Hausapotheken mit allen Konsequenzen auch keinerlei wirtschaftliches Interesse mehr für einen potenziellen Übernehmer an der Planstelle vorhanden ist", so Dr. Wolfgang Geppert, Medikamentenreferent der NÖ Ärztekammer. "Diese Stellen lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr besetzen", so Dr. Geppert.
Er beklagte sich vehement über die Einstellung vieler politischer Mandatare, welche - wie in zahlreichen Bereichen - die Verantwortung gerne auf andere schieben: "Wir brauchen unsere Standpunkte und Lösungsvorschläge nicht zu verstecken. Die übliche Ausrede, Apothekengesetzgebung sei Bundessache, kann ich schon nicht mehr hören. Auch die Landespolitik muss in dieser Angelegenheit in die Pflicht genommen werden. Zusätzlich ist über die betroffene Bevölkerung der notwendige Druck aufzubauen. Die Frequenzen der Spitalsambulanzen explodieren, nicht weil wir Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung zu faul sind, sondern weil wir Landärzte über Jahrzehnte zu Einzelkämpfern verdammt worden sind, während in Spitalsambulanzen Teamarbeit seit jeher Gang und Gebe ist. Unabhängig davon werden Kassenordinationen von der Gesundheitsbürokratie derzeit nahezu erdrückt", machte Dr. Geppert seinem Unmut Luft.

Zwitl.: Derzeitige Gesetzgebung wird ein Aussterben der ländlichen Regionen zur Folge haben

"Wenn wir die wohnortnahe medizinische Versorgung mittelfristig sichern wollen, brauchen wir vor allem Anreize für junge Ärztinnen und Ärzte, sich noch auf dem Land niederzulassen. Dies beginnt bei der Überarbeitung der Apothekengesetzgebung und der Förderung der Lehrpraxen. Woran die Politik jedoch dringend arbeiten muss, ist die Attraktivität der Ausübung des ärztlichen Berufs. Studienplätze im Fach Medizin sind sehr begehrt, aber Kassenverträge könnten sehr rasch nicht mehr begehrt sein", so Dr. Geppert.
Präsident Dr. Reisner brachte abschließend die Konsequenzen für die betroffenen Orte und deren Bürgerinnen und Bürger auf den Punkt, wenn eine Hausapotheke in einem Ort wie Rabenstein geschlossen werden muss und sich zusätzlich die ärztliche Stelle nicht mehr besetzen lässt: "Ein Verlust der ärztlichen Nahversorgung würde die Menschen am härtesten treffen, welche die Versorgung am notwendigsten brauchen. Nämlich junge Familien mit kleinen Kindern, sowie alte und schwer kranke Menschen. Wo sich aufgrund der Rahmenbedingungen keine Ärztinnen und Ärzte mehr niederlassen können, wird die Landflucht der jungen Menschen weiter beschleunigt und die Versorgung der alten und kranken Menschen erschwert. Dies wird am Ende ein Aussterben der ländlichen Regionen zur Folge haben."

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