"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Drama im Schacht ist ein Fest für die Medien" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 14.10.2010

Graz (OTS) - Nie in der Geschichte zuvor haben 33 bis dahin unbekannte Menschen so intensiv und dauerhaft globale Aufmerksamkeit erfahren, wie die Bergleute in Chile.

Am eindrucksvollsten war das über den amerikanischen Nachrichtensender CNN zu erleben. Abgesehen von massiver Berichterstattung im Fernsehen, übertrug CNN über 30 Stunden live auf seiner Homepage, jeder Einzelne kam in der Sekunde ins Bild, in der er der Kapsel entstieg. Darunter zeigte ein Ticker die Laufzeit der Aktion, die aktuelle Anzahl der Geretteten und der noch im Schacht Harrenden an. Auch ein Album mit den Fotos und Biografien aller betroffenen Kumpel gibt es. Sie finden es unter http://edition.cnn.com.

Die Suchmaschine Google listete gestern unter dem Begriff Mine San José 1.3 Millionen Artikel auf. Keine Zeitung hätte in den letzten Tagen das Drama ignorieren können und dennoch marktfähig bleiben.

So viel Schlaglicht lockt an: Weil sich unter den Mineuren ein Bolivianer befand, reiste Staatschef Evo Morales persönlich an, obwohl sein Land mit Chile im Hader liegt.

Die 33 Männer haben ihr Schicksal zweifach abgegolten bekommen: zum einen in allgemeiner Aufmerksamkeit, der wohl härtesten Währung der Mediengesellschaft. Sie lässt sich hervorragend gut in Dollars, Euros, Franken und Yen wechseln. Die Geretteten werden, so sie sich geschickten Medienagenten anvertrauen, in nächster Zeit sehr viel Geld verdienen. Es ist ihnen zu gönnen. Wenn an den Enden eines Regenbogens angeblich ein Topf Gold steht, kann das zum Finale einer verhinderten Tragödie auch nicht schaden.

Aber an San José zeigt sich modellhaft, welche Rolle mediale Zuwendung heute spielt. In China sterben immer wieder Hunderte unter Tag und verenden publizistisch als Einspalter auf den International-Seiten. Statistisch gerechnet stirbt auf der Welt alle fünf Sekunden ein Mensch an Hunger. Allein in den 71 Tagen des chilenischen Dramas wären das rund 1,7 Millionen Tote. Keiner hatte ein Interview von ihnen wollen, kein Präsident sie füttern.

Was San José so großartig macht, ist der gute Ausgang. Happy End ist die Zauberformel, die die Brüder Grimm und auch Hollywood groß gemacht hat. Wir hungern nach Erlösung bei lebendigem Leibe, nach einem Sieg über den Tod, bevor dieser dann das Rückspiel gewinnt.

Zur Zeit, da dies geschrieben wurde, waren noch etliche unter Tag. Wenn sie nicht gerettet werden sollten, bekommt das mediale Fest einen Trauerflor: Dann wird aus dem Drama halt doch noch eine Tragödie.****

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