Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "G'schichten aus Wien"

Ausgabe vom 12. Oktober 2010

Wien (OTS) - Eine Koalition mit der Volkspartei wäre billiger für die Wiener SP als eine mit den Grünen. Wenn dies das einzige Argument dafür bleibt, dann kann HC Strache ab morgen zweieinhalb Jahre auf bezahlten Urlaub gehen, um 2013 eine Ernte einzufahren, die andere für ihn in der Zwischenzeit säen.

Die Verbindungen zwischen der (schwarzen) Wirtschaft und dem (roten) Rathaus sind traditionell gut und eng. Sie werden am Ende den Ausschlag geben, dass auch in Wien diese beiden Parteien zusammenkommen. Der endgültige Wahlausgang, der erst mit den ausgezählten Wahlkarten irgendwann morgen Abend feststehen wird, könnte noch das eine oder andere Mandat wandern lassen. Es wird wohl eine überschaubare Wanderung weg von den Freiheitlichen sein. Auch das begünstigt eine SP/VP-Koalition in Wien.

Viele junge Wähler werden dann ziemlich angefressen sein. Sie sind experimentierfreudiger und wollen Neues aus der Stadt und der Politik hören. Rot-Grün wäre etwas Neues.

Da Revolutionen in Wien aber nicht stattfinden, sondern hier Revolutionäre (wie Lenin und Herzl) nur im Kaffeehaus zu finden sind, dürfte es wohl die rot-schwarze Sicherheitsvariante werden.

Auf die beiden Stadtparteien kommt aber dann einiges zu. Beide müssen nämlich ihre jeweilige Partei-Organisation neu aufstellen sowie einen Teil der Köpfe austauschen. Eine Mammutaufgabe, vor allem für die Volkspartei.

Die SP wird sich- angesichts des Wahlergebnisses - die Frage stellen müssen, ob der praktisch vollständige Rückzug der Gemeinde aus dem Wohnbau hin zu den (teilweise eng verbundenen) gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften eine gute Idee war. Die Volkspartei wird daraufhin "Verstaatlichung" schreien. Sie wird mit der Auslagerung kommunaler Abteilungen wie der Stadtgärtner kommen, die SP wird dies als "neoliberalen Angriff" brandmarken.

Das Publikum kennt dies alles längst aus der Bundesregierung und wird sich gähnend anderen Beschäftigungen zuwenden. Wenn sich SP und VP in Wien zusammenfinden, dann müsste sich dies von den bekannten Verhaltens-Schablonen deutlich unterscheiden. Bloß: Wer von - und in - diesen beiden Parteien wird das wollen?

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