Psychiatrie: Versorgungsdefizite im niedergelassenen Bereich

Ärztekammer: Mehr Kassenstellen und Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen

Wien (OTS) - Mehr Kassenstellen für Psychiatrie, die Forcierung
der fachärztlichen und medizinischen Psychotherapie sowie flächendeckender Ausbau der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher: Im Bereich der psychischen Gesundheit besteht nach Ansicht des Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner, eine gravierende Minderversorgung. "Die Situation ist mehr als prekär, vor allem im niedergelassenen Bereich ist die Versorgung für Patienten jeder Altersstufe Besorgnis erregend gering", skizzierte Dorner die Situation der Psychiatrie und medizinischen Psychotherapie am Freitag in einer Aussendung.

Allein in der Kinder- und Jugendpsychiatrie würden österreichweit 100 Kassenstellen benötigt, so Dorner. "In Wien haben Ärztekammer und Gebietskrankenkasse einen ersten Schritt getan, um diese Situation zu ändern: Im Rahmen eines zweijährigen Pilotprojekts wird es erstmals einen Kostenzuschuss im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie geben", betonte der Präsident. Langfristiges Ziel sei es, Kassenverträge an Kinder- und Jugendpsychiater zu vergeben. Aber auch um die erwachsenen Patienten müssten sich die Kassen vermehrt kümmern. Dorner: "Derzeit wenden die Krankenkassen nur einen Bruchteil ihres Budgets für die Behandlung psychischer Erkrankungen auf. Die finanzielle Hauptlast ruht vor allem im Bereich der Psychotherapie auf den Schultern der Patientinnen und Patienten." Die mangelnde Unterstützung seitens der Krankenkassen würde auch nicht zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen, sagte Dorner.

Ähnlich sieht das Bettina Fink, Obfrau der Fachgruppe Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin: "Im niedergelassenen Bereich fehlen bei fast allen Krankenkassen differenzierte Leistungspositionen für das psychiatrische Gespräch. Dadurch wird die psychiatrische/psychotherapeutische Behandlung de facto entwertet." Zudem fehle es zunehmend an Fachärztinnen und -ärzten, in manchen Regionen sei die Versorgungslage geradezu dramatisch, warnte Fink. Die Ursachen dafür sieht sie einerseits in dem Umstand, dass die Umsetzung der notwendigen Reform der Facharzt-Ausbildung von Seiten der Politik behindert wurde. Andererseits sei auch der Versorgungsbedarf durch die Zunahme psychischer Störungen enorm gestiegen.

Allein im Vorjahr seien mehr als 65.000 Krankenstandsfälle auf psychische Erkrankungen zurückzuführen gewesen. Neben Herz- und Gefäßerkrankungen sowie rheumatischen Krankheitsbildern seien psychische Krankheiten mittlerweile hauptverantwortlich für Frühpensionierungen. Fink: "Hier rechtzeitig eine gute Versorgung und Behandlung zu gewährleisten, würde die Zahl der vorzeitigen Pensionierungen deutlich senken." Schließlich sei es auch unbedingt notwendig, psychischen Erkrankungen ihr Stigma zu nehmen. Der Besuch beim Psychiater oder medizinischen Psychotherapeuten dürfe kein Tabu mehr sein, schloss Fink. (sl)

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