"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fahrlässige Gutachten erschüttern die Republik" (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 24.09.2010

Graz (OTS) - War das wieder ein Geschrei dieser Tage, als durchgesickert war, wie sehr die Kosten für die Pensionen explodieren. Kern der Behauptungen, die immerhin von vermeintlich seriösen Wirtschaftsforschern auf Basis von Daten der Statistik Austria berechnet wurden: Der Staatszuschuss für die Rentner werde zwischen 2043 und 2048 von aktuell 2,9 auf den Höchstwert von 6,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und damit ins Unerschwingliche steigen.

Solche Szenarien tauchen jeden Herbst auf und lösen ein Riesentheater aus - auch wenn sie noch so unsinnig sind. Denn jeder Wirtschaftsforscher gibt im trauten Gespräch zu, dass Prognosezeiträume von mehr als zehn Jahren Kaffeesudleserei zum Quadrat sind.

Dennoch scheuen das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) und das Institut für Höhere Studien (IHS) nicht davor zurück, bei Pensionsgutachten sogar fünfzig Jahre in die Zukunft zu schauen. Dass die Menschen älter werden und das Pensionistenheer wächst, soll hier nicht kleingeredet werden. Um Pensionen zu sichern, muss sicher nachjustiert werden. Vor allem beim faktischen Pensionsantrittsalter, das in Österreich zu niedrig ist. Die Beschäftigungsquote der 45- bis 64-Jährigen liegt in Österreich bei 41 und im EU-Schnitt bei 45,6 Prozent.

Doch was die Damen und Herren Gutachter zuletzt geirrlichtert haben, ist ein glatter Skandal, fußt auf Annahmen, die fast jeder Hauptschüler bezweifelt hätte. Das lässt sich belegen: Das Rechenwerk basiert auf den noch vor Kurzem eher tristen Wirtschaftsaussichten, die bereits heute - mit der neuen Wirtschaftsprognose - Makulatur sind. Ein Kenner spricht es offen aus: Langfrist-Prognosen sind stets zu sehr von der aktuellen Lage geprägt.

Ein Blick ins Prognosedetail zeigt, dass sogar manipuliert wurde. Dank erhöhter Zuwanderung ist die Erwerbsquote gestiegen, sie wurde bei Männern sogar niedriger angesetzt als 2005. Tatsächlich steigt deren Erwerbsquote. Vermutlich haben die Gutachter einfach getrickst, um ihr viel zu gering angesetztes Wirtschaftswachstum rational zu unterfüttern.

Diese Arbeitsmarkt-Annahmen stammen übrigens vom IHS, das sich seit Langem für eine kapitalgedeckte Pensionssäule einsetzt. Aus dem Ganzen lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen: Solche Gutachten sollten nicht länger von zwei inhaltlich oft stark gegensätzlichen Konkurrenz-Firmen gemacht werden. Und die vom Gesetzgeber geforderten Prognosen über 50 Jahre sind völliger Unfug, weil deren Resultate Alt und Jung nur verunsichern.****

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