"Kleine Zeitung" Kommentar: "Elsner wird länger dem Bügelzimmer fernbleiben" (Von Alfred Lobnik)

Ausgabe vom 22.9.2010

Graz (OTS) - Es ist nur menschlich, wenn man Helmut Elsner nicht mag. Es ist nachvollziehbar, wenn man sagt: "Es gibt doch noch eine Gerechtigkeit" - und für Elsner keinen Hausarrest mit Fußfessel.

Aber gerade weil das so ist, lohnt es sich, die geistige Fußfessel abzulegen und sich auf die Gegenposition zu begeben: Auch wenn es viele nicht hören wollen: Helmut Elsner ist in der Bawag-Affäre nicht rechtskräftig verurteilt. Womöglich hat er 1,4 Milliarden veruntreut. Das Erstgericht war dieser Meinung und hat ihn zu neuneinhalb Jahren verurteilt. Aber über seine Nichtigkeitsbeschwerde ist noch nicht entschieden. Vor Ende des Jahres wird es auch nicht so weit sein.

Helmut Elsner gilt in dieser Sache noch als nicht schuldig. Er sitzt in Untersuchungshaft. Inhaftiert wurde er vor dreieinhalb Jahren. Österreichs U-Häftling Nummer eins ist 75 Jahre alt und bei aller Komplexität des Verfahrens ist es schon beachtlich, wie lange ein alter, herzkranker Mann hinter Gittern auf sein Urteil warten muss. Ein paar Jahre mehr oder weniger können sehr viel sein bei drei Bypässen.

Man kann es sich kaum so einfach machen zu sagen: "Die U-Haft wird eh auf die Haft angerechnet." Oder: "Der sitzt womöglich ein Jahr lang bequem in seiner Wohnung und andere dunsten im Häfen."

Schon möglich. Aber was, wenn seiner Berufung stattgegeben wird? Und eine U-Haft wird von der Justiz bekanntlich nicht verhängt, nur weil wir es einem gönnen.

Es gibt kaum ein Drama in Österreich, das nicht zumindest die Möglichkeit zur Posse birgt. Gegen Elsners Fußfessel sprach, dass die Reichweite zu gering ist, um in seiner zugegeben großen Luxus-Wohnung das Bügelzimmer zu überwachen. Was nützte es da, dass Elsner gelobte, das Bügelzimmer nicht zu betreten? Anderen Männern glaubt man das auch ohne Gelöbnis. Außerdem ist Elsner zu krank. Wie kann der Richter ihm Arztbesuche auftragen, die er dann zur Flucht nützen könnte? Schließlich sitzt er wegen Fluchtgefahr.

Fragen über Fragen. Und da noch eine: Warum schafft man nicht gleich eine Fußfessel an, die auch Bügelzimmer erfasst und das Entweichen von Häftlingen verhindert, die für eine längere Flucht wahrscheinlich eine Ambulanz brauchen?

Politisch hat die Rempelei schon eingesetzt. "Gab es eine Weisung aus dem Justizministerium?", fragt bang das BZÖ. Schließlich war die Justizministerin früher Bawag-Richterin und ihr Kabinettchef Staatsanwalt im Fall Elsner. Das klingt wie ein aufgewärmter Gag. Aber dergleichen kommt in Possen schon vor.****

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