WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Markt ist die entscheidende Instanz - von Günter Fritz

Die Molkereien müssen rationalisieren und sich spezialisieren

Wien (OTS) - Die Übernahme der Tirol Milch durch die oberösterreichische Berglandmilch erhitzt seit Monaten die Gemüter -und das nicht nur in Westösterreich. Während in Tirol von Ausverkauf und Scheitern der ÖVP-Agrarpolitik die Rede ist, muss sich die Branche österreichweit auf einschneidende Veränderungen einstellen. Die Berglandmilch, schon bisher Marktführer, wird durch die Fusion mit den Tirolern nun zu einer noch stärkeren Kraft im Lande. Freilich nur auf den ersten Blick: Die Tirol Milch ist zwar ein starker regionaler Player, aber gleichzeitig ein Patient, der behandelt werden muss. Die Molkerei musste im Vorjahr einen empfindlichen Umsatzrückgang hinnehmen und schaffte nur ein knappes Plus, nachdem sie im Jahr davor überhaupt mit mehr als fünf Millionen Euro in den roten Zahlen war. Jahrelang wurde investiert, aber nur in Sachwerte anstatt in innovative Produkte. Das mit dem Ergebnis, dass die Tiroler mit Latella lediglich eine starke Marke in ihrem Angebot haben und mit überschüssiger Milch zu Billigpreisen in den Export gehen müssen - beispielsweise nach Italien.

Die Nummer zwei am Markt, die niederösterreichische Nöm AG, die ebenfalls um die Tirol Milch ritterte, ist dagegen erfolgreich den umgekehrten Weg gegangen. Obwohl kleiner als Berglandmilch, ist sie deutlich profitabler und hat es geschafft, in ganz Europa mit ihren veredelten Produkten vertreten zu sein. In Großbritannien wurde sogar ein eigenes Werk für den dortigen Markt in die grüne Wiese und in Italien ein landesweiter Vertrieb auf die Beine gestellt. Im Vergleich dazu sieht selbst die Berglandmilch, die mit ihrem Käse in Deutschland reüssieren kann, nicht so gut aus. Deshalb wollen es die Oberösterreicher jetzt offenbar über die Größe schaffen. Sie sollen ihre Fühler bereits nach weiteren Akquisitionen ausgestreckt haben.

Das wird auch der Nöm und einigen anderen Molkereien nachgesagt, was unterstreicht, dass der österreichische Milchmarkt in Bewegung ist:
Die vorwiegend genossenschaftlich organisierten Betriebe müssen rationalisieren, Versäumnisse der Vergangenheit bereinigen und sich spezialisieren. Vor allem aber brauchen sie eine Strategie, um sich gegenüber den mächtigen Handelsketten zu positionieren und zu behaupten. Gelingt das nicht, wird sie der Strukturwandel mit voller Wucht erwischen. Auch bäuerliche Betriebe sind heute Wirtschaftsunternehmen, die effizient und schlagkräftig agieren müssen: Die entscheidende Instanz, die über ihr Schicksal entscheidet, ist der Markt - da hilft auch keine Fusion, wenn sie nicht gut durchdacht ist.

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