"Im Mittelpunkt steht der mündigere Patient!"

Bachleitner-Hofmann: Die Herausforderung an die künftige Finanzierbarkeit des österreichischen Gesundheitswesens lautet "Priorisierung statt Rationierung"

Salzburg (OTS) - Ende August hat der Hauptverband der Sozialversicherungsträger Österreich aus dem gesundheitspolitischen Sommerschlaf geholt: Die Spitalskosten steigen heuer um 4% auf mehr als 11,4 Milliarden Euro an, so die Rechen-Experten der Krankenkassen. Steht der immer wieder von den Medien herbeigeschriebene und von der Politik herbeigeredete "Kollaps" im Gesundheitswesen bevor? Platzt das "beste Gesundheitssystem der Welt"?

Oder wird nur rechts gefahren und links geblinkt? Faktum ist, dass die Gesundheitsausgaben im Zeitverlauf kontinuierlich steigen. Gegenwärtig werden in Österreich 10,5% des BIP für Gesundheit ausgegeben. Um die Finanzierung langfristig zu gewährleisten, suchen Gesundheitspolitiker nach sinnvollen und vor allem gerechten Möglichkeiten der Ausgabendämpfung.

"Von vielen Gesundheitsplayern wird die Pharmazie fälschlicherweise als Kostentreiber im System angesehen. Dabei sind wir Apotheker der Schlüssel, wie man im System sinnvoll sparen kann", betont heute, Donnerstag, Dr. Friedemann Bachleitner-Hofmann, Präsident des Österreichischen Apothekerverbandes.

Im Mittelpunkt stehe ein mündigerer Patient als bisher, so der Chef der selbständigen Pharmazeuten Österreichs. "Man muss nicht wegen jeder Bagatelle eine Klinik oder wegen jedem Schnupfen sofort einen Arzt aufsuchen. Wir Apotheker wollen, dass der Staat mehr und kontrollierte Selbstmedikation zulässt", bringt es Bachleitner-Hofmann auf den Punkt. Und die dann frei werdenden Mittel im Gesundheitswesen sollen zur Bekämpfung der wirklichen medizinischen Probleme eingesetzt werden!

"Das heißt für mich Priorisierung statt Rationierung. Wenn ich oben, im behandlungsintensiven Segment mehr Kosten verursache und von der öffentlichen Hand kein frisches Geld bekomme, muss ich unten, im Bagatellbereich, sparen. Und wir Apotheker sind in der Lage, einen leichten Schnupfen oder Husten richtig zu behandeln", betont der Präsident der selbständigen Apotheker.

Daraus leitet Bachleitner-Hofmann vier zentrale Ziele ab:

1. Die Erhöhung der kontrollierten Selbstmedikation über die öffentliche Apotheke. Weil Pharmazeuten mit viel Geld vom Staat zu Spezialisten ausgebildet werden und ihr akademisches Wissen als niedrigschwellige Gesundheitsdienstleister täglich in der Praxis anwenden.

2. Einen Diskussionsprozess darüber wie lange die Krankenkasse noch für die Bezahlung rezeptfreier Arzneimittel, die für die Selbstmedikation geeignet sind, aufkommt.

3. Man sollte auch ernsthaft über eine Harmonisierung der Rezeptpflicht in der EU diskutieren. Es ist nicht einzusehen, daß zum Beispiel ein Hustenpräparat in Österreich rezeptpflichtig ist und in Deutschland rezeptfrei erhältlich ist.

4. Priorisierung statt Rationierung bedeutet, dass die freiwerdenden Mittel besser, zielgerichteter und schwerpunktmäßiger zur Bekämpfung der (teuren) Volkskrankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden können.

"Wir Apotheker wollen mit unserem Wissen und unserer täglichen Arbeit in der Betreuung und Beratung dem Staat helfen, zu sparen. Wir Apotheker verlangen kein frisches Geld und sind gegen direkte und indirekte Steuererhöhungen für das Gesundheitswesen. Wir Apotheker treten dafür ein, den Patienten mehr Verantwortung als bisher zu übertragen", fasst es der Vertreter der selbständigen Pharmazeuten zusammen.

Im Klartext: Es brauche keine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge oder eine neue Zweckwidmung und damit Erhöhung der Tabaksteuer. "Wir müssen das vorhandene Geld besser nützen, Schwerpunkte in der Gesundheitsbetreuung setzen und Spitalskosten vermeiden", so Bachleitner.

Solange ein Patient außerhalb der Spitalsmauern gut betreut werden kann, ist er für das System "billig" und spart Kosten. Österreichs Apotheker wissen genau, wo ihren Kunden der Schuh drückt. Apotheken sind oft eine erste und niedrigschwellige Anlaufstelle in Sachen Gesundheit. Und Apotheker sind in erster Linie Fachleute zur Lösung arzneimittelbezogener Probleme. An den pharmazeutischen Instituten der Universitäten Wien, Innsbruck und Graz müssen angehende Apotheker/innen nur für Pharmakologie 15 Wochenstunden, vier Semester lang, aufwenden. So viel wie kein anderer Gesundheitsberuf.

Bachleitner-Hofmann: "Wir wissen alles über das Arzneimittel. Zusammensetzung, Wirkstoffe, Wirkung und unerwünschte Wirkungen. Und wir wenden unser Wissen täglich in der Praxis, hinter der Tara, an!"

Weil die Apotheker ihre Kunden so gut kennen, ist mehr Verantwortung für Patienten in der Behandlung ein wichtiges Thema. Kontrollierte Selbstmedikation ist das Schlüsselwort, bringt es der Präsident der selbständigen Apotheker auf den Punkt. Wer die Patienten ernst(er) nimmt und ihnen mehr Verantwortung überträgt, wird enorme Einsparungspotenziale im System heben.

"Vor allem die Frauen sind in den Familien die Gesundheitsmanagerinnen. Wenn ein Kind krank wird, ist in erster Linie immer noch die jeweilige Mutter gefragt. Nicht immer ist der erste Weg zum Arzt der beste oder sinnvollste. Leichte Erkältungen oder kleine Verletzungen lassen sich auch über die Hausapotheke oder mit einem Besuch beim Apotheker selbst kurieren", bringt Bachleitner-Hofmann ein Beispiel.

"Natürlich ist bei fortdauernden Krankheitssymptomen ein Arzt aufzusuchen. Auch bei schwereren Erkrankungen. Nur die vielen kleinen Wehwehchen können wir in der Vorstufe zum Arzt schneller und vor allem für das System günstiger erledigen!", verweist der Apotheker-Präsident auf eine aktuelle Studie des unabhängigen Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) in Wien.

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Mag. pharm. Hans Jakesz
Pressesprecher des Österreichischen Apothekerverbandes
Spitalgasse 31, 1090 Wien
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