DER STANDARD-Kommentar zu den Grünen: "Weiter so! Weiter so?" von Conrad Seidl

Den Grünen muss es gelingen, ökologischem Denken politische Relevanz zu geben // Ausgabe vom 13.9.2010

Wien (OTS) - Ein paar vermischte Meldungen vom Wochenende: Am Wildkogel wird Europas höchstgelegenes Solarkraftwerk errichtet. Von wem? Von Peter Nindl, einem langjährigen ÖVP-Bürgermeister im Pinzgau.
In Wien wird die Fahrradmitnahme in den U-Bahnen erleichtert. Von wem? Vom Sozialdemokraten Rudolf Schicker, Verkehrsstadtrat in der Bundeshauptstadt.
In Wien wird gegen die Einschränkungen bei der Fotovoltaikförderung protestiert. Von wem? Von Norbert Hofer, Energiesprecher der FPÖ. In Graz wird Eva Glawischnig mit eindrucksvoller Mehrheit als Bundessprecherin bestätigt. Von wem? Von den Grünen. Weiter so!_ Weiter so? Vorher haben die Grünen eingehend über all die Fragen diskutiert, derer sich die Herren Nindl, Schicker und Hofer so rührend annehmen. Und es ist nicht nur grüne Selbstgewissheit, sondern ein faktengestützter Befund, dass sich die Grünen in all den angesprochenen Fragen besser auskennen.
Das hilft den Grünen aber rein gar nichts. In 24 Parlamentsjahren sind sie eine etablierte Partei geworden, die keiner missen möchte, die allgemein als die Umweltpartei schlechthin empfunden wird - und die dennoch nicht viel weiter kommt. Das mag damit zusammenhängen, dass die Umweltfragen als Selbstverständlichkeiten empfunden werden:
Ebenso lange wie die Grünen im Parlament sind, ressortiert die Umwelt bei einem ÖVP-Minister. Dass das der ÖVP politisch auch nichts gebracht hat, wird die Grünen nicht trösten können. Ökologie ist politisch einfach nicht relevant.
Dafür kann man die Medien verantwortlich machen, wie das die Grünen mit einer gewissen Berechtigung tun: Wenn die Polkappen schmelzen, Erdöl die Meere verdreckt, der Verkehr die Straßen verstopft und Hochwässer Schäden ungekannten Ausmaßes anrichten, dann wird das mit einer routinierten Sensationsgeilheit berichtet. Dass zwischen den Einzelereignissen und den politisch-ökonomischen Verhältnissen ein Zusammenhang besteht, ist in den meisten Medien kein Thema.
Für die Grünen sind diese Zusammenhänge (und weitere bis hin zu durch Katastrophen ausgelöste Migrationsströme) allerdings die zentrale politische Frage. Und ihre Tragik ist klassisch: Sie gleicht jener der Troerin Kassandra, deren Warnungen nicht geglaubt wird, wie berechtigt sie auch sein mögen.
Anders als bei Homer ist das aber kein unabwendbares Schicksal: Es gibt ja eine treue Wählerschaft. Die will es allerdings derzeit nicht so genau wissen, wenn es um globale ökologische Zusammenhänge geht. Denn sie ahnt, dass ein Umdenken auch spürbare Folgen für das eigene Leben haben würde: Veränderung tut erfahrungsgemäß weh, Reform ist ein angstbesetzter Begriff. Aber es sind gerade diese zehn Prozent der Wählerschaft, die offen wären für ein anderes, ressourcenschonendes und freieres Leben, wenn die Grünen glaubhaft machen könnten, dass dieses Leben ohne Komfortverlust zu haben ist. Hier gilt es anzusetzen - und hier hat der Grüne Bundeskongress am Wochenende auch tatsächlich angesetzt. Waldviertler Holzspielzeug ist ökologisch und pädagogisch wertvoller als Plastikspielsachen aus China, wurde dort formuliert. Oder, breiter angesetzt: Grüne Lebensentwürfe zu leben macht Spaß - und wäre eine gute Grundlage dafür, auf breiterer Basis grüne Politikinhalte einzufordern.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001