TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 10. September 2010, von Peter Nindler: "Bis 70 arbeiten ist ein wahrer Reformkiller"

Wenn nicht einmal Beamte bis 65 arbeiten, wie will die Politik das vom Rest der Werktätigen verlangen?

Innsbruck (OTS) - Dass Tirols Landesbeamte mit 59,6 Jahren durchschnittlich um sieben Monate später in Pension gehen als der Österreich-Durchschnitt, ist grundsätzlich positiv. Und einen Vergleich mit den ÖBB-Pensionisten (53 Jahre) müssen sie ebenfalls nicht scheuen. Aber damit sind die guten Nachrichten auch schon in Rente. Denn an ihrem Beispiel offenbaren sich einmal mehr Wunsch und Wirklichkeit der Realpolitik. Schließlich ist kein einziger Landesbeamter 2009 mit 65 in Pension gegangen.
Obwohl uns Politik und Wirtschaftsexperten ständig erklären, wir müssten bis 67 oder sogar bis 70 arbeiten, um das Sozialsystem zu stützen und den Generationenvertrag zu erfüllen, gelingt es nicht einmal, das gesetzliche Pensionsantrittsalter von 60 bzw. 65 Jahren zu erfüllen. Wer kann, geht in Pension. Wer nicht mehr gebraucht wird, den schickt man ebenfalls in den Ruhestand. So einfach funktioniert der Pensionsrechenschieber in Österreich.
Das Problem ist nicht neu, die Lösung jedoch stets nur bruchstückhaft. Es benötigt endlich umfassende Reformen, die Arbeiten bis 65 für Arbeitnehmer und Arbeitgeber interessant macht. Der Faktor Arbeit muss günstiger und steuerlich entlastet werden. Wer ältere Arbeitnehmer beschäftigt, sollte (steuerlich) belohnt werden. Vielleicht braucht es auch eine Umverteilung, flachere Lohnkurven, dafür höhere Einstiegsgehälter. Wer jung ist, hat mehr Kosten - von der Familiengründung bis zur Wohnungsbeschaffung.
Über diese Fragen schwindelt sich die Politik aber Jahr für Jahr hinweg, weil sie damit Strukturen ändern müsste. Viel lieber wird über Arbeiten bis 70 philosophiert. Wohl wissend, dass mit diesem Reizwort die Debatten rasch beendet sind und wieder Zeit dafür gewonnen wird, die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Pensionsproblematik auf die lange Bank zu schieben.

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