Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Feinde der Freiheit"

Ausgabe vom 10. September 2010

Wien (OTS) - Möglich, dass der fanatische US-Sektenführer Terry Jones doch noch von seinem Plan abrückt, am Samstag, dem Jahrestag von 9/11, den Koran zu verbrennen. Trotzdem der Versuch eines Gedankenexperiments: Stellen Sie sich vor, Jones schreitet zum archaischen Prozess des Bücherverbrennens - und kein Medium würde darüber berichten.
Natürlich ist das eine Illusion fernab unserer medialen Realität. Der Fall zeigt jedoch exemplarisch die Gefährdung einer freien Gesellschaft aus sich selbst heraus: Die Verbrennung des Heiligen Buches des Islam geschieht im vollen Bewusstsein der damit einhergehenden möglichen Folgen.

Aber was dagegen tun?

Die auf den Schutz der Freiheit des Einzelnen ausgelegte US-Verfassung gibt Jones das Recht, sein perfid auf Empörung und Eskalation angelegtes Vorhaben in die Tat umzusetzen. Soll nun die Verfassung gebrochen werden, um einen Fanatiker von seinem Vorhaben abzuhalten?

Ein solcher Bruch wäre wohl ein fast noch größerer Triumph für Jones und seine Anhänger. In diesen Kreisen hieße es dann, die US-Regierung würde die Freiheit des Einzelnen einschränken, nur um radikale Islamisten zu besänftigen.

Fanatiker beeindruckt man nicht, indem man ihre verfassungsmäßigen Rechte beschneidet, da sie mit ihren Provokationen genau auf diese Freiheiten abzielen, die sie anderen - in diesem Fall Muslimen -nicht zugestehen wollen. Freiheit im Tausch für Sicherheit ist für eine liberale Gesellschaft ein gefährlicher Weg.

Dass die Aktion eines offensichtlich durchgeknallten Predigers mit Mini-Anhang solche weltweiten Wellen schlagen kann, ist ein Zeichen für eine Medienwirklichkeit, die tendenziell jederzeit bereit ist, ihr Gefühl für Maßstäbe und Verantwortung über Bord zu werfen. Jones spricht für niemanden außer sich selbst. Die Feinde der Freiheit nutzen die Möglichkeiten, die diese Freiheit ihnen bietet, schamlos für ihre Zwecke. Und wenn Jones jetzt gönnerhaft andeutet, ein Anruf aus dem Weißen Haus könnte ihn vielleicht umstimmen, verhöhnt er damit nur einmal mehr seine Kritiker.

Weit wirksamer wäre da, wenn die Medienmaschinerie nicht jeden Spinner zum Weltenzündler aufblasen würde.

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