ibw-Studie: Österreich ist bei internationalen Bildungsvergleichen unterbewertet

Die derzeitige Umsetzung der ISCED-Methodik in Österreich bildet die Qualifikationsstärke des Landes nur ungenügend ab

Wien (OTS/PWK671) - Die "International Standard Classification
of Education" (ISCED) ist das heute weltweit verwendete Klassifikationssystem für Bildung. Das System ist aber bislang nicht in der Lage, der Diversität der Bildungssysteme gerecht zu werden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen ibw-Studie, die zeitgerecht zur Veröffentlichung der diesjährigen OECD-Publikation "Bildung auf einen Blick" vorgestellt wird, deren Analysen und Aussagen zu einem großen Teil auf dieser Bildungsklassifikation beruhen.

Im Kern klassifiziert ISCED die "Höhe" von Bildungsgängen nach sechs "Levels". Dieses Klassifikationssystem soll als neutraler Bezugsrahmen fungieren. Da aber echte Qualifikationsstandards für den Vergleich nicht vorhanden sind, behilft man sich mit formalen Kriterien, wie Bildungsjahren oder der zeitlichen Abfolge von Bildungsgängen. Andere und allenfalls auch relevantere Kriterien, wie etwa die Berufseinmündung von Absolventen von Ausbildungen oder die Bewährung von Abschlüssen im Beruf, bleiben dabei ausgeklammert.

Die Kriterien von ISCED hängen, wie sich bei genauerer Analyse zeigt, mit der Bildungstradition der anglophonen Länder zusammen. Dieses Bildungsmodell ist vor allem durch intern differenzierte gesamtschulische Bildung bis zum Ende der Sekundarstufe II, berufliche Bildung im Collegesystem oder ausschließlich in betrieblicher Weiterbildung sowie dem Bachelor/Master?system im universitären Bereich gekennzeichnet. Länder, die auf der oberen Sekundarstufe nach Interessen und Anforderungen differenzieren und arbeitsmarktfähige Qualifikationen vermitteln, sind mit ISCED kaum adäquat zu erfassen. Dies trifft auch auf Österreich zu und führt zur Unterbewertung des Bildungsstands der österreichischen Erwerbsbevölkerung.

Hauptursache der klassifikationsbedingten Unterbewertung der gehobenen Bereiche der Berufsbildung in Österreich ist, dass im nationalen Bildungssystem die Matura als "Wasserscheide" zwischen sekundärer und tertiärer Bildung fungiert, tertiäre Bildung auf Hochschulbildung eingeschränkt wird und damit eine international nur schwer vergleichbare Struktur gegeben ist. Um eine bessere internationale Transparenz zu erreichen, müsste man sich auf die Logik von ISCED - also die Abfolge von Bildungsgängen und die Trennung des Tertiärbereichs in einen beruflichen und einen akademischen Sektor - einlassen.

Die Studie kommt daher zum Schluss, dass Österreich in der internationalen Darstellung des Bildungssystems eine Orientierung an der Logik von ISCED und nicht an der traditionellen Logik des österreichischen Bildungssystems braucht. Dies betrifft z.B. die Aufbaulehrgänge und die BHS für Berufstätige, die international eindeutig als tertiär einzustufen sind, da sie Abschlüsse der Sekundarstufe II voraussetzen. Eine Umstufung der Hauptformen der BHS, deren Lernergebnisse ident sind, ist gleich gelagert, dürfte aber einer gesetzlichen Veränderung bedürfen. Weitere Verzerrungen bestehen etwa bei der Diplomkrankenpflege, die in Österreich ein mittlerer Fachschulabschluss ist, während inhaltlich idente Ausbildungen in anderen Ländern als Hochschulabschlüsse eingestuft sind, einfach weil die Lernenden dort älter sind. Daneben gibt es in Österreich Ausbildungen, die überhaupt nicht eingestuft werden: Dazu zählen etwa Ausbildungen für den Polizei-Dienst oder auch die Universitätslehrgänge und Lehrgänge universitären Charakters, deren Pendants in anderen Ländern als Hochschulabschlüsse gezählt werden.

Mit der vorliegenden Untersuchung des ibw werden die Ursachen der Unterbewertung beruflicher Bildungsabschlüsse in der ISCED-Systematik mit dem Ziel beleuchtet, einen Anstoß für eine verbesserte internationale Darstellung der Berufsbildungsabschlüsse Österreichs zu geben. Eine bessere Abbildung der österreichischen Bildungsstärke ist notwendig, weil die internationalen Vergleiche zunehmend auch von der Politik herangezogen werden. So bedarf es für den auf europäischer Ebene beschlossenen Benchmark, wonach bis zum Jahr 2020 40% eines Altersjahrganges ein Hochschulabschluss verfügen soll, ein deutlich breiteres Verständnis von hochschulischer Bildung als dies derzeit in Österreich üblich ist. Aber auch für Unternehmen, die sich um internationale Aufträge bemühen sowie für mobile Erwerbspersonen ist eine adäquate Einstufung der Zeugnisse und Diplome unverzichtbar, um nicht in Nachteil zu geraten.

Arthur Schneeberger: Internationale Einstufung der österreichischen Berufsbildung. Adäquate ISCED-Positionierung als bildungspolitische Herausforderung. ibw-Forschungsbericht Nr. 156, Wien, 2010, 112 Seiten.

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