WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Fahrplan in die neue, alte Krise - von Astrid Schuch

Die expansive Geldpolitik der EZB ist auf Dauer untragbar

Wien (OTS) - Man kann den Machern der Europapolitik sicher einiges vorwerfen, einen Mangel an Einsatz jedoch nicht: Schließlich unterzog die EU 91 Banken einem Stresstest, der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht feilt an neuen Kapitalvorschriften und der Geldhahn der EZB ist sperrangelweit offen. All das großteils um das Vertrauen in das Bankensystem wiederherzustellen. Mit besonderem Augenmerk auf die Peripherie legten EU und IWF im Mai noch 110 Milliarden Euro für Griechenland obendrauf und die EZB sich bis dato hellenische Staatsanleihen für 61 Milliarden Euro in die Bücher. All das wiederum um die Griechen vor dem Zahlungsausfall zu bewahren. Die Bilanz ist allerdings ernüchternd und lässt sich an den Risikoaufschlägen der Anleihenmärkte ablesen: Weder wurde das Vertrauen in die Eurozonen-Banken im Allgemeinen - geschweige denn in die griechischen - restauriert, noch der Glaube an ein langfristiges Überleben Griechenlands.

Im Gegenteil: Der Risikoaufschlag zehnjähriger griechischer Staatsanleihen auf deutsche Bundesanleihen liegt bei 940 Basispunkten. Das letzte Mal war dieser kurz vor der Ankündigung der Hilfen von IWF und EU so hoch. Dem Markt zufolge wird sich Hellas noch drei Jahre, also solange IWF und EU die Griechen finanzieren, über Wasser halten. Und das ist eigentlich schon extrem optimistisch, denn bis Mai 2013 werden griechische Anleihen inklusive Zinsen im Ausmaß von 117 Milliarden Euro fällig. Addiert man dazu bloß das Budgetdefizit für 2010, das zwischen 18 und 20 Milliarden Euro schwer sein wird, ist das Rettungspaket bereits deutlich gesprengt.

Bevor Griechenland 2012 oder 2013 doch noch umschulden oder restrukturieren wird müssen, müssen die griechischen Banken erst 2011 überstehen: Weil sie auf dem Interbankenmarkt nur zu horrenden Aufschlägen Geld bekommen, hängen sie am EZB-Tropf - mehr denn je: Im Juli liehen sich die Institute 96,2 Milliarden Euro - 2,5 Prozent mehr als im Juni und doppelt so viel wie Ende 2009. Anfang September gab EZB-Chef Jean-Claude Trichet bekannt, den Banken nicht wie zuvor geplant bis Oktober, sondern bis zumindest Mitte Jänner unlimitierte Liquidität für drei Monate zur Verfügung zu stellen. Nur, wie schon das Beispiel des hellenischen Staates zeigt und das WirtschaftsBlatt bereits seit Monaten predigt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Irgendwann 2011 wird die EZB in ihrer Geldpolitik restriktiver werden müssen. Falls nicht, dürfte Griechenland bald das kleinste Problem der Eurozone sein und sich Trichet nicht nur verbal, sondern real mit einem verlorenen Jahrzehnt à la Japan beschäftigen.

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