Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Asylum ignorantiae"

Ausgabe vom 8. September 2010

Wien (OTS) - Am Anfang und am (für den Asylsuchenden negativem) Ende steht nun also Haft. Schubhaft wird schon verhängt, bevor ein Asylwerber wieder abgeschoben wird. Nun darf er die ersten fünf bis sieben Tage nach Übertritt das jeweilige Auffanglager nicht verlassen.

Warum sich die heimische Politik so derartig vor diesen Personen fürchtet, bleibt ein Geheimnis. Es sind weder so viele, dass es Angst machen könnte, noch sind es die Allgemeinheit gefährdende Personen. Gesucht wird von diesen Menschen ein Zufluchtsort. Die Furcht - so ist zu fürchten - geht weniger von den Asylwerbern aus, als vielmehr von der FPÖ, die mit diesem Thema menschenunwürdig herumjongliert. Die Fakten haben dabei wenig Chance. Die Zahl der Asylsuchenden ist viel zu gering, um eine ernsthafte Bedrohung für den heimischen Arbeitsmarkt darzustellen.

Trotzdem werden diese Menschen vom Gesetz härter angefasst als jeder Wirtschaftskriminelle. Kuriose Machthaber wie Muammar Gaddafi in Libyen tun das Ihre. Gaddafi drohte ja der EU, Millionen Afrikaner nach Europa zu schicken, wenn er nicht fünf Milliarden Euro von der EU bekäme. Die Angst vor hereindrängenden Horden erfasste auch Frankreichs im Popularitätstief steckenden Präsidenten Nicolas Sarkozy. Mit der Ausweisung von Roma wollte er wohl innenpolitisch punkten. Dass EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso in seiner -insgesamt schwachen Rede - dies mit keinem Wort erwähnte, ist ein Armutszeugnis.

Denn die Asylfrage sollte dringend zum europäischen Thema werden. In Brüssel reißt sich aber die zuständige Kommission nicht gerade darum. Damit ist nämlich kein Blumentopf zu gewinnen, das Sicherheitsbedürfnis der Menschen ist durch die Krise größer geworden. Das Gift von rechtspopulistischen Parteien wie der FPÖ verstärkt die Wirkung. Allerdings gilt das steigende Sicherheitsbedürfnis für alle, also auch für die Asylwerber . . .

In der Philosophie gibt es den Begriff des "asylum ignorantiae", das ist so etwas wie die Weigerung, sich eingehender mit etwas auseinanderzusetzen. Wörtlich übersetzt bedeutet es "Zufluchtsort der Unwissenheit". Die europäische Politik ist davon erfasst. Nicht nur, aber leider auch bei einem Thema, in dem Menschenwürde so wichtig wäre.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001