"Kleine Zeitung"-Kommentar "Trügerische Aufklärer" (Von Thomas Götz)

Ausgabe 5.9.2010

Graz (OTS) - Warum Thilo Sarrazin die Debatte verhindert, die
er eigentlich anstoßen wollte.

Es gibt sie in allen Lebensbereichen, die trügerischen Aufklärer. Sie erzählen dir, warum die Schulmedizin mörderisch ist oder die EU überflüssig, warum Israel an allem schuld trägt oder die USA, warum Muslime das Ende Europas bedeuten oder zumindest Deutschlands. Sie kommen daher mit dem Gestus des Verfolgten und behaupten, die Ablehnung ihrer Thesen rühre nur daher, dass sie ein Tabu brechen. Das gibt ihnen den Nimbus des Heldenhaften und macht ihre Argumente unangreifbar.

Thilo Sarrazin ist ein Paradebeispiel für diese Art von Intellektuellen und ihre Methode, Debatten in einem Stil einzufordern, der das verlangte Gespräch erst unmöglich macht.

Der Mechanismus funktioniert in einem Dreischritt. Eine krass überspitzte These zu einem brisanten Thema löst heftige Abwehr aus. Die Abwehr lässt sich sogleich als untrügliches Anzeichen für ein ungesundes Tabu deuten, dessen Bruch sich der Autor als Verdienst anrechnen kann. Verliert er, wie im Fall Sarrazin, darüber auch noch seine politische Heimat und den Posten, ist das Bild der verfolgten Unschuld fertig.

Immer behauptet der falsche Aufklärer, eine Diskussion in Gang zu bringen, die vermeintlich nicht geführt werden darf und die ohne ihn nie in Gang gekommen wäre. Thilo Sarrazin, dessen Buch "Deutschland schafft sich ab" ihn bald um die SPD-Mitgliedschaft und um sein Amt als Vorstand der Deutschen Bundesbank bringen wird, hat wichtige, brisante Themen aufgegriffen. Er ist aber weder der Erste, noch der eloquenteste Autor, der über die Gründe für die schlechte Integration von Muslimen in Deutschland nachdenkt. Er ist auch beileibe nicht der Erste, der den Sozialstaat in seiner heutigen Form infrage stellt.

Warum Sarrazin wie auch andere verwandte Fundamentalkritiker ihr Ziel verfehlen, ist leicht zu erklären. Ihre Polarisierungstechnik führt dazu, dass nur noch Bekenntnisse möglich scheinen: Sind wir für oder gegen den Propheten? Damit ist die Debatte beendet, ehe sie noch begonnen hat. Die Angegriffenen, in diesem Fall Politiker jeder Richtung, können mit der Überspitzung auch alle berechtigten Einreden gegen ihr Verhalten von sich weisen. Der angegriffene Autor wiederum kann jede Kritik an seinen Thesen als Symptom für das von ihm behauptete Tabu deuten.

Es ist äußerst schwierig, auf so eine Attacke souverän zu reagieren. Souverän wäre es, dem Autor nicht in die Falle zu gehen. Das hieße, seine Provokation verpuffen zu lassen, aber das Thema ernst zu nehmen, das er aufwirft. Alles andere führt direkt zum nächsten Fall Sarrazin. ****

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