• 03.09.2010, 16:06:09
  • /
  • OTS0238 OTW0238

"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Das Duell um Wien ist ein großer Schmäh"

Bei der Wiener Wahl geht es nur darum, ob die Leute eine SP-Absolute wollen.

Wien (OTS) - Der langjährige Bürgermeister Leopold Gratz
formulierte das Erfolgsrezept für die Wiener SPÖ einmal so: "Wir
müssen im Herbst wählen. Da kommen die Wiener aus den Sommerferien
zurück und sehen wieder, dass es in ihrer Stadt viel schöner ist als
anderswo." Für Gratz hat sich diese Form von Lokalpatriotismus
ausgezahlt: Im Oktober 1973 fehlte nur ein Mandat auf die
Zweidrittelmehrheit der SPÖ.
Michael Häupl hat bescheidenere Ziele: die absolute Mehrheit will
er wieder erreichen, wobei ja rund 46 Prozent der Stimmen für die
Fortsetzung der Alleinregierung reichen würden.
Wien ist anders. In deutschen Städten, wo die Sozialdemokraten
einmal zwei Drittel der Stimmen hatten, wie etwa in Berlin,
regierten später auch die Konservativen. So viel Beweglichkeit
brauchte der Wiener Wähler nie. Weil ja auch für alles gesorgt ist:
Rund 500.000 Menschen sind Mieter einer Gemeindewohnung, nicht immer
zufriedene, aber die Alternativen, glauben sie, wären auch nicht
besser. Die Einkommensgrenze wurde nach oben verschoben, damit auch
die Mittelschichten in den Genuss der Betreuung durch das Wiener
Wohnen kommen. Und insbesondere in Wahlkampfzeiten arbeitet der rote
Apparat wie am Schnürchen. Schon im letzten Winter fuhren die
Schneeräumer, kaum kamen die ersten Flankerln vom Himmel, seit
Monaten patrouillieren Uniformierte aller Art durch die Straßen. Ruhe
und Ordnung soll herrschen, Sicherheit wird signalisiert, vor allem
aber: alle Wohltaten werden in Inseraten und auf Plakaten wenig
bescheiden gepriesen.
Wien ist auch deshalb anders, weil hier das Bürgertum, jedenfalls
in Form der ÖVP, das Selbstbewusstsein eines Pubertierenden und die
Weltoffenheit eines Maulwurfs hat. Die Wiener Schwarzen haben nur zu
Erhard Buseks Zeiten gezeigt, dass sich Bürgerliche auch als
aufgeklärte Citoyens verstehen können, dann waren die ewig selben
Funktionäre wieder intensiv mit sich selbst beschäftigt. Christine
Marek wird zwar wegen des ÖVP-Plakats verspottet, das Michael Häupl
frisch und fröhlich im Windstoß zeigt, aber sie ist wenigstens
ehrlich: Sie weiß, dass sie nicht Bürgermeisterin werden kann, belügt
also weder sich noch die Wähler mit absurden Wahlzielen. Sie will
mitregieren. Was dann besser werden soll, muss sie erst vermitteln.
Und wo der Kampfgeist der ÖVP herkommen soll, muss sie auch noch
erklären.
Wenn Heinz-Christian Strache also die Wiener Landtagswahl zu einem
Duell um Wien hochstilisieren will, dann ist das schlechtes
Polit-Theater. Er will, wieder einmal, Unzufriedene mobilisieren.
Genau das wird spannend - ob und in welchen Wiener Bezirken ihm das
gelingt.
Am 10. Oktober geht es ausschließlich darum, ob die SPÖ alleine
weiterregieren soll, oder ob sie den Juniorpartner ÖVP dazubekommt.
Die Grünen wird bei ihren Psychodramen und Familienaufstellungen
niemand stören.

Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKU

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel