"Kleine Zeitung" Kommentar: "33 zu zwanzig Millionen" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 29.08.2010

Graz (OTS) - Die Vorstellung ist grauenhaft, monatelang in
einem engen, heißen Raum zusammengepfercht warten zu müssen, bis vielleicht doch noch jemand zur Befreiung kommt. Der Gedanke ist so beklemmend, dass die Ökonomie der öffentlichen Aufmerksamkeit plötzlich nicht mehr gilt.

Deren Grundregel ist einfach: je weiter weg ein Ereignis stattfindet, desto weniger interessiert es uns. Ein Beben in Friaul entsetzt, ein viel größeres in China ist eine Notiz.

Die 33 Bergmänner aus Chile aber haben es geschafft. Ihre Gesichter sind in der ganzen Welt gedruckt und gesendet worden, und das ändert alles. Wir fiebern mit ihnen mit, versuchen, uns in ihre Lage zu versetzen und in die ihrer wartenden Familien. Wie kann man ohne sanitäre Einrichtungen, ohne Dusche, ohne Tageslicht monatelang überdauern, ohne verrückt zu werden, depressiv oder aggressiv?

20 Millionen Pakistani auf der Flucht vor Wassermassen, die ihre Dörfer wegfegten, haben kein Gesicht. Ihre Geschichten werden nicht erzählt und die massenhafte Vernichtung von Existenzen ist nicht darstellbar. Also entgleitet sie unseren Blicken.

Nach jedem Erdbeben passiert es, dass Retter noch ein Baby lebend unter den Trümmern hervorziehen. Dann leuchten die Scheinwerfer wieder kurz auf, weil da ein Gesicht ist, weil jemand in eigenen Worten erzählen kann, was ihm widerfahren ist. Die Katastrophe wird greifbar, interessant. Das hat nichts mit der Sensationslust von Medien zu tun, sondern mit dem verständlichen Bedürfnis von uns allen nach Lebensgeschichten, nach etwas Nachvollziehbarem.

Es ist daher nicht selbstverständlich, dass uns das Leid von Menschen interessiert, die wir nicht kennen und nie kennenlernen werden. Es ist nicht selbstverständlich, dass es riesige Hilfskonzerne gibt, die weltweit nichts anderes tun, als in Katastrophenfällen einzugreifen. Sie sind auch dann zur Stelle, wenn eine Katastrophe gerade nicht medial vermittelbar ist. Ihre Existenz ist vielleicht der größte Fortschritt der Menschheitsgeschichte.

Es war in einem Flüchtlingslager am Rande von Tansania, als mir das klar wurde. 500.000 Menschen aus Ruanda und Burundi haben dort vor dem mörderischen Bürgerkrieg in ihrer Heimat Zuflucht gefunden. Ernährt hat sie die UNO. Wenige Jahrzehnte früher wären sie wohl alle unbemerkt umgekommen, ein Kollateralschaden der Geschichte.

Nie haben wir mehr gewusst von den Katastrophen dieser Welt. Es ist gut zu wissen, dass es auch noch nie so viel Rettung gab wie heute.

Ein kleiner Trost.****

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