"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Toplehrer werden genügend Arbeit haben" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 24.08.2010

Graz (OTS) - Werner Faymann war ausnahmsweise einmal mutig. Das
ist das Positivste, was man über den Vorstoß des Kanzlers für längere Lehrer-Arbeitszeiten sagen kann. Denn es zeugt fraglos von Mut, ein Thema, das im Vorjahr nicht zuletzt an mangelnder Vorbereitung grandios gescheitert ist, in derselben Ho-ruck-Manier wieder vom Zaun zu brechen.

Jetzt erntet Faymann den Wind, den er gesät hat: Politische Gegner und sogar die eigenen SP-Gewerkschafter überbieten sich in Erklärungen, wieso alles beim Alten bleiben muss. Wir landen also wieder in jenem spezifischen Stillstandsklima, in welchem Veränderungsängste, parteipolitisches Kalkül und Neidkomplexe die Fronten verhärten.

Der Sache hat der Kanzler einen Bärendienst erwiesen. Denn natürlich ist es wichtig, das bestmögliche Bildungswesen zu gewährleisten. Die Budgetsanierung ist dafür ein schlechtes Argument - auch, wenn die Staatskassen voll wären, müsste ein effizienter Schulunterricht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Dazu müsste man aber viel umfassender und planvoller agieren, als nur die alte Leier von den freizeitverwöhnten Lehrern zu drehen.

Wünschenswert wäre etwa eine Personalhoheit für Direktoren, damit diese so wie in jedem anderen Wirtschaftszweig die Chance hätten, ein Team aus motivierten Lehrkräften zu formen und dieses mit Engagement zu führen. Es käme ein positiver Wettbewerb um neu- und wissbegierige Kinder zustande. Wer damit überfordert oder für den Unterricht nicht geeignet ist, der sollte nicht Dauerkrankenstand, sondern eine menschenwürdige Umschulungschance erhalten.

Die besten Lehrer, die den vollen Respekt der Gesellschaft verdienen, werden mehr als genug Arbeit haben. Dass in der modernen Wissensgesellschaft die Angebote rund um Nachmittagsbetreuung, Lernhilfe und interkulturelles Lernen intensiviert werden müssen, ist nicht erst seit der "Neuen Mittelschule" eine Binsenweisheit. Dass man dafür auch würdige Räume für Schüler und Lehrer braucht, ist ebenso klar.

Ist dieser Katalog erfüllt, kann man als letzten Schritt auch über die Lehrverpflichtung reden. Wobei Ähnliches gilt wie beim Pensionsantrittsalter: Zunächst müsste die formal bestehende Lehrpflicht besser erfüllt werden, bevor man sie ausdehnt. Schulstunden sind nicht für ausgedehnten Kinobetrieb, Dauersupplierungen und Stillbeschäftigung gedacht, sondern für echten Unterricht. Das gilt vom ersten bis zum letzten Tag des ohnehin kurzen Schuljahres.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001