Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Der Muslim-Präsident"

Ausgabe vom 21. August 2010

Wien (OTS) - Die "Wiener Zeitung" widmete der Sache gerade einmal eine Kurzmeldung: Zwischen - je nach Umfrage - 18 und 24 Prozent der US-Bürger sind der Überzeugung, dass ihr Präsident Barack Obama ein Muslim sei. Im März 2009 glaubten das noch vergleichsweise geringe 11 Prozent.

Tatsache ist: Obama hat sich stets als gläubigen Christen bezeichnet, im Wahlkampf musste er sich sogar für die allzu radikalen Ansichten seines Predigers entschuldigen.
Mit dieser Richtigstellung könnte man die Sache abhaken und wieder zur Tagesroutine übergehen. Wenn da nicht ein zusätzlicher mehr als besorgniserregender Umstand wäre: 60 Prozent der Befragten gaben nämlich an, die Information, Obama sei Muslim, aus den Medien bezogen zu haben.

Möglich ist allerdings auch, dass die Politik Obamas - und damit auch der Präsident selbst - zunehmend kritisch gesehen werden. Fast immer geht eine solche Entwicklung auch mit der automatischen Assoziation der Person mit negativen Etikettierungen einher (und muslimisch ist ein negatives Attribut in den Augen vieler, das gilt für die USA genau so wie für unsere Breiten, darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben).

Zu beiden Hypothesen passt, dass die Überzeugung, einen muslimischen Präsidenten zu haben, unter konservativen Republikanern besonders verbreitet ist - mehr als ein Drittel ist dieser Ansicht.

Nun weiß man, dass in den USA die politische Auseinandersetzung mit härteren Bandagen ausgetragen wird; und dass dabei befreundeten Medienverbänden eine entscheidende Rolle zukommt, ist nicht einmal in Österreich gänzlich unbekannt.

Dennoch ist es das eine, einer Meinung den Vorzug vor einer anderen zu geben, und etwas völlig anderes, Unwahrheit bewusst unters Volk zu streuen. Letzteres rüttelt an den Grundfesten unserer demokratischen Freiheitsordnung.

Medien und Journalisten genießen aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung für die Demokratie gewisse Schutzrechte. Missbrauchen sie diese, gefährden sie nicht nur ihre Schutzwürdigkeit, sondern untergraben auch das Grundvertrauen in die Legitimität politischer Entscheidungen. Bei Lügen endet die Freiheit der Medien. Bei den beliebten Halbwahrheiten ist das leider schon wieder nicht mehr so klar...

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