WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Den Tatsachen ins Auge blicken - von Robert Lechner

Realitätsverweigerung ist ein schlechtes Business-Konzept

Wien (OTS) - Die offizielle Freude war groß, als das Wirtschaftsforschungsinstitut kürzlich 1,9 Prozent Quartalswachstum für Österreich veröffentlichte. In Deutschland ist nach einem Plus von mehr als drei Prozent gleich der Aufschwung XXL ausgerufen worden. Wenige Tage danach ist klar, dass der eine oder andere Traum vom gewaltigen Aufschwung bald platzen könnte. Gemäß dem gestern veröffentlichen Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung steht fest, dass die Expansionsraten nicht aufrechtzuhalten sind.

Grund dafür ist, dass sich der Welthandel deutlich einbremst. Die Nachfrage nach Industriegütern in den USA, dem global wichtigsten Markt, fällt seit Juni. Wer näher hinsieht, wird auch bei den Daten aus China entdecken, dass es weniger rund läuft als gedacht. Das Produktionswachstum war zuletzt schon wieder deutlich niedriger. In Österreich darf jeder Anflug von Euphorie ohnehin als künstlich betrachtet werden. Ein Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent bedeutet schlicht, dass nach wie vor keine neuen Jobs geschaffen werden. Das passiert nämlich erst, wenn die Wirtschaft solide über zwei Prozent im Jahresvergleich zulegt. Österreich könnte es damit doppelt treffen. Neben den zurückbleibenden Wachstumsraten kommen ausgerechnet aus der europäischen Autoindustrie die lautesten Warnsignale. Für Letztere arbeitet bekanntlich ein guter Teil der heimischen Industrie. Im Juli wurden um fast ein Fünftel weniger neue Pkw in Europa zugelassen als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres.

Besorgniserregend ist die Entwicklung auch deshalb, weil nach wie vor milliardenschwere, auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme wirken sollten. Das große Einsparen beginnt in Europa erst im kommenden Jahr.

Bei der Warnung vor einem drohenden Aufschwung XS, also Extra Small, geht es nicht um Schwarzmalerei. Wir sollten einfach den Tatsachen ins Auge blicken. Realitätsverweigerung ist nämlich ein schlechtes Business-Konzept. Nicht umsonst üben sich die wirklich weitsichtigen Konzernlenker in Zurückhaltung. Das zeigen nicht zuletzt die jüngsten Aussagen rund um die Halbjahresergebnisse. Wenn etwa Constantia Packaging-Boss Hanno Bästlein von "vielen Unsicherheiten" spricht oder Wienerberger-Chef Heimo Scheuch "noch keine Entwarnung" geben kann, wird klar, dass in der Wirtschaft nach wie vor der Wurm drin ist. Panik ist nicht angebracht, aber all jene, die Geschäftspartnern, Mitarbeitern oder Investoren das Blaue vom Himmel versprechen, sind weiterhin mit Vorsicht zu genießen.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001