TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 18. August 2010, von Floo Weißmann: "Das Problem, einen Krieg zu beenden"

Nach sieben Jahren hinterlassen die abziehenden amerikanischen Soldaten keinen geordneten Irak.

Innsbruck (OTS) - Es war einmal eine amerikanische Regierung, die glaubte, ihre Soldaten würden in Bagdad als Befreier begrüßt. Sodann würden die Iraker mit amerikanischer Hilfe einen Leuchtturm für Demokratie, Wohlstand und Stabilität errichten, der die gesamte Region erhellt. Um welch bizarre Illusion es sich dabei handelte, stand schon in den ersten Monaten nach der Invasion fest. Chaos und Gewalt erfassten das Land. Jetzt zeichnet sich ab, dass den USA auch der Rückzug aus dem Irak misslingen dürfte.
Der gestrige Anschlag mit Dutzenden Toten illustriert die Schwierigkeiten. Nach sieben Jahren hinterlassen die USA keinen geordneten Irak. Es besteht im Gegenteil die Gefahr, dass das Land in den Bürgerkrieg stürzt, wenn der letzte US-Soldat weiter nach Afghanistan geflogen ist.
Noch vor einem Jahr war von einem späten Erfolg die Rede. Durch die US-Truppenaufstockung, die Einbindung von Clanchefs und Kommandoeinsätze war die Gewalt zurückgegangen. In Teile des Landes kehrte so etwas wie Alltag zurück und Wahlen sollten den politischen Prozess in Gang bringen. Vor diesem Hintergrund trieb der neue US-Präsident Obama den schrittweisen Abzug unbeirrt voran.
Seitdem ist das Bild gekippt. Al-Kaida und andere Gruppen schüren erneut die Gewalt, jeden Monat gibt es Hunderte Tote. Millionen Flüchtlinge können nicht zurückkehren. Frauen und Minderheiten werden Opfer von systematischer Diskriminierung und Gewalt, die sie in der Saddam-Diktatur nicht erlebt haben. Und das politische Personal des Irak hat sich als korrupt, machtversessen und unfähig erwiesen, eine Regierung zu bilden.
Obama hat nun ein doppeltes Problem. Er wollte nämlich in Afghanistan die vermeintlich erfolgreiche Befriedungsstrategie aus dem Irak kopieren. Stattdessen könnte es bald heißen: Es war einmal ein Idol der Kriegsgegner, das die Kriege seines Vorgängers nicht beenden konnte ...

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