Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Frei nach Max Weber"

Ausgabe vom 18. August 2010

Wien (OTS) - Österreichs Politik war noch selten etwas für feinfühlige Schöngeister. Ist auch gar nicht notwendig, ein gediegen Maß an erdiger Bodenständigkeit hat noch keiner Demokratie geschadet. Eher schon im Gegenteil.

Die Aufführungen der vergangenen Tage sind jedoch des Erträglichen eindeutig zu viel. Was die diversen Parteisekretariate da an Nebelgranaten in Bezug auf das kommende Budget in den öffentlichen Raum werfen, ist zumindest eine Beleidigung der Wähler-Intelligenz. Wenn man diese nicht überhaupt gleich für dumm erachtet.

Das Spiel um Sparideen auf Kosten der Klientel des jeweils anderen, das SPÖ und ÖVP im Moment bieten, ist an offensichtlicher Durchschaubarkeit nicht mehr zu übertreffen. Es regiert das Motto:
"Willst du meinen Bauern oder Unternehmern ans Leder, quäl ich deine ÖBBler."

Es ist ja durchaus legitim, dass Parteien in Wahlkampfzeiten - und in solchen befinden wir uns schließlich - dem p.t. Publikum deutlich machen wollen, für was und für wen sie politisch stehen. Zudem steht hoffentlich außer Frage, dass bei den staatlichen Subventionen (mit 15 Milliarden Euro stellen diese fünf Prozent der heimischen Wirtschaftsleistung) der Spar-Hebel anzusetzen ist. Aber bitte, wenn's leicht geht, mit ein bisschen mehr Konzept und nicht nur mit der taktisch motivierten Klientel-Keule.

Wenn es stimmt, wie jüngst eine Studie behauptete, dass sich rund 30 Prozent der Bürger aus der Politik und damit aus der Res Publica, die alle angeht, bereits zur Gänze ausgeklinkt haben, dann spielen die Parteien ein äußerst gefährliches Spiel. Und die Medien, die diese Primitiv-Politik auch noch groß aufblasen, sind mittendrin statt nur am Rande dabei.

Ein Rätsel bleibt, weshalb die Masterminds der Parteien glauben, mit solchen Strategien ließen sich Wählerstimmen gewinnen. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein. Kein Kunde - und schon gar kein Bürger -lässt sich freiwillig für dumm verkaufen. Auf diese Weise unterminieren unsere politischen Repräsentanten den Boden, auf dem sie stehen. Auch so kann man natürlich Max Webers Diktum von der Politik als dem Bohren harter Bretter interpretieren. Irgendwann kracht es halt.

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