Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Der Fluch der Profis"

Ausgabe vom 12. August 2010

Wien (OTS) - Der Reiz des Amateurs liegt in seinem Charme und der Leidenschaft, mit der er sein Hobby verfolgt. Demgegenüber eilt dem Profi ein Hauch von kalter Effizienz voraus, die es ihm jedoch ermöglicht, zu ungeahnten Höchstleistungen aufzulaufen - in der Wirtschaft, im Sport, in der Verwaltung.

Ob dagegen auch die Politik durch die Professionalisierung in einem ähnlichen Ausmaß profitiert, darf zumindest bezweifelt werden.

In allen Parteisekretariaten dieses Landes sitzen zweifellos Profis ihres Handwerks (dass es - vorzugsweise aus dem eigenen Lager - nicht wenige gibt, die dies bezweifeln, gehört zum Geschäft). Deren Job ist es, Interessen und Profil ihrer Partei im Wettbewerb mit und auf Kosten der Konkurrenz durchzusetzen. Dabei handelt es sich um ein Nullsummenspiel, weil weder im öffentlichen Bereich zu vergebende Jobs noch Wählerstimmen beliebig vermehrbar sind - obwohl, bei den Jobs könnte man durchaus begründete Zweifel haben.

Eigennutz ist daher das oberste Prinzip in der Politik, das Allgemeininteresse verkommt zum Mittel im rhetorischen Kampf bei der Durchsetzung der je eigenen Partikularinteressen.
So ist die Logik der Profis in den Parteisekretariaten und es stellt sich die Frage, ob der Rest der politischen Klasse genügend Kraft aufbringt, sich dieser zentrifugalen Dynamik zu entziehen.

Natürlich geht es in der Politik notwendigerweise um einander widersprechende Interessen und Macht. Damit war aber - zumindest bis vor kurzem - immer auch Gestaltungswille verbunden.

Den hochgerüsteten Profis geht es jedoch nur noch um die Entscheidungsmacht; und wenn sie diese besitzen, wollen sie sie behalten; zu welchem Zweck, gerät dabei zur Nebensache.
Die fast täglichen Aussendungsschlachten der Parteisekretariate sind nur der offensichtlichste Beleg für diese Entwicklung.

Da verwundert es nicht, dass man sich mitten im Sommer nach dem Charme der Amateure und nach ihrer Leidenschaft für das, was sie tun, sehnt. An deren nach oben offene Peinlichkeitsskala wird man allerdings spätestens dann wieder erinnert, wenn die nächsten Wahlen mit ihren Klein- und Kleinstparteien anstehen. Da sind dann die Profis wieder im Vorteil. Ein Teufelskreislauf.

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