WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europa mit Haut und Haaren - von Michael Laczynski

Verantwortung führt zu sozial wünschenswertem Verhalten

Wien (OTS) - Seit dem Ausbruch der Großen Krise wird darüber diskutiert, wie sich eine Kernschmelze des Finanzsystems in Zukunft vermeiden lässt. Eine der vielen Ideen, die bisher lanciert (und inzwischen teils umgesetzt) wurden, betrifft das Verantwortungsbewusstsein der Banken. Da die US-Institute ihre Immokredite tranchieren, verpacken und an Investoren weitergeben konnten, hatten sie keinen Grund dazu, auf die Qualität der Hypotheken zu achten - das Risiko wurde ja weitergereicht. Genau hier wollen Reformer ansetzen und die Banken dazu zwingen, von nun an einen Teil der Kredite in ihren Büchern zu behalten. Das US-Englische hat für diesen Vorgang einen wunderbar bildhaften Ausdruck parat:
"Having skin in the game" - mit Haut und Haaren am Spiel beteiligt sein.

Die Annahme, dass mehr Verantwortung zu sozial wünschenswertem Verhalten führt, ist nicht neu. Seit Jahrzehnten begründen alle US-Regierungen (egal, ob demokratisch oder republikanisch) mit dieser These die Förderung des Wohneigentums in den Vereinigten Staaten, frei nach dem Motto: Wer in den eigenen vier Wänden wohnt, der hat auch ein Interesse daran, dass es in der Nachbarschaft ordentlich zugeht - denn je lebenswerter das Viertel, desto wertvoller das Haus.

Ob EU-Haushaltskommissar Janusz Lewandowski diese Idee im Hinterkopf hatte, als er im Gespräch mit der "Financial Times Deutschland" laut über die Einführung einer Europasteuer nachdachte, ist nicht klar. Vordergründig ging es Lewandowski darum, neue Einnahmequellen (etwa eine Flugverkehrsabgabe) zu finden und so den Spielraum der EU-Finanzminister zu erhöhen - denn derzeit wird ein fixer Prozentsatz des Bruttonationaleinkommens nach Brüssel überwiesen. Sollte die Steuer kommen, würde dieser Beitrag analog dazu sinken. Eine übernational verankerte Abgabe hätte zudem aus der Sicht des EU-Kommissars einen positiven (und nicht ausgesprochenen) Nebeneffekt: Sie würde Brüssel von seinen jetzigen Sponsoren - also den Regierungen - ein Stück unabhängiger machen.

Was auch immer die Beweggründe waren: Eine derartige Steuer wäre demokratiepolitisch definitiv zu begrüßen. Denn dem durchschnittlichen EU-Einwohner fehlt heute der Bezug zur Union. Brüssel ist für ihn ein abstraktes, weit entferntes Gebilde, das aus mysteriösen Geldquellen gespeist wird. Wären die Kosten der EU klar ersichtlich, dann wären mit Sicherheit mehr Bürger aktiv daran interessiert, dass die Gemeinschaft Nutzen bringt. Sie wären mit Haut und Haaren bei der Sache.

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