TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 8. August 2010 von Liane Pircher "Der Duden allein ist kein Leitfaden für Zuwanderung"

Wir. Ihr. Hier. Fekters "Deutsch vor Zuwanderung" bringt Österreich in einer überlegten Zuwanderung nicht weiter.

Innsbruck (OTS) - Österreich braucht Zuwanderung. Das ergibt sich nicht nur aus der mathematischen Gewissheit, dass wir sonst schrumpfen: von 8,4 Millionen Menschen heute auf 8,2 Millionen im Jahr 2030 beziehungsweise auf 7,4 Millionen im Jahr 2050. Die jüngste Bevölkerungsprognose der Statistik Austria hat aber auch andere Zahlen: Sie geht für 2030 von neun, für 2050 von 9,5 Millionen Einwohnern aus. Warum? Weil pro Jahr mit 37.000 Zuwanderern gerechnet wird. Wenn Innenministerin Fekter nun "Deutsch vor Zuwanderung" fordert, ändert sie das Startfeld. Es gibt viele Länder - große Teile in Afrika oder Asien - wo es nicht nur für ihre unerwünschten "Analphabeten aus Bergregionen" nahezu unmöglich ist, einen Deutschkurs zu absolvieren. Selbst wenn die Innenministerin übers Internet erworbene zertifizierte Prüfungen gelten lassen will, hat sie eine entscheidende Realität übersehen: Nicht jeder Mensch verfügt über einen Internetzugang.
Gut, wir wollen nur die Besten. Nur jene, die wir brauchen können. Die Diskussion rund um Integration ist von der Suche nach dem größten Nutzen geprägt. Das ist bis zu einem gewissen Grad legitim. Aber -angenommen sie kommen - wohin mit Tausenden Ärzten und Maschinenbauingenieuren? Wir werden auch andere brauchen. Was spricht dagegen, wenn ein hoch motivierter Mensch erst hier die Landessprache lernt? Langt es nicht, wenn dieser bereits nach zwei Jahren Deutsch auf "A2"-Niveau (heißt: man kann sich über Alltägliches unterhalten) nachweisen muss? Wer das nicht schafft, soll ohnehin ausgewiesen werden. Unlogisch ist auch, dass derzeit Migranten, die bereits von "Nutzen" sein könnten, also die gut ausgebildeten, scharenweise das Land verlassen. Perfekt deutschsprechende, sich in Ausbildung befindliche Migranten(kinder) werden ausgewiesen. In Summe klingt das alles nicht nach einem überlegten Leitbild einer modernen Zuwanderungsgesellschaft.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001