"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vom erstaunlichen Stillstand der Armeen" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 07.08.2010

Graz (OTS) - Der Begriff Armee kommt vom französischen Verbum "armer", was bewaffnen, aufrüsten, ausrüsten bedeutet. Selbiges ist stets mit enormen Geldmengen verbunden, die für diese Ausrüstung ausgegeben werden.

Das entspricht der Logik des deutschen Generaloberst Hans von Seeckt, der meinte: "Krieg ist die höchste Steigerung menschlicher Leistung, er ist die natürliche, letzte Entwicklungsstufe in der Geschichte der Menschheit."

Seeckt ist seit siebzig Jahren tot und zumindest die nördliche Halbkugel dürfte nach zwei desaströsen Weltkriegen diese Beurteilung in Zweifel ziehen. Und Europa konnte anhand des Balkan-Gemetzels unter der Lupe betrachten, dass Krieg in unserer wirtschaftsgetriebenen Gesellschaft auch nicht mehr "aller Dinge Vater" ist.

Der Friede ist ausgebrochen. In Europa total, in den meisten Ländern der Erde wenigstens latent. Krieg ist eine Art Unterschichtenphänomen geworden, das vor allem in Staaten schwelt, deren Führung starke Bildungsdefizite aufweist.

Galt einst der Händedruck zwischen Chruschtschow und Kennedy als Sensation, so sehen wir heute Obama und Medwedjew beim Hamburgeressen und lächeln allenfalls dazu.

Seltsamerweise scheint diese Entwicklung an den Armeen großräumig vorbeizugehen. Die meisten sind immer noch so aufgestellt, als gälte es globale Landkriege oder pazifische Seeschlachten zu führen, um Volk und Vaterland zu schützen. Dabei wäre eine Umorientierung bzw. Erweiterung des Leistungskataloges dringend nötig. Das Hochwasser-und Lawinenland Österreich führt alljährlich vor, welchen Nutzen ein Heer heute stiften kann.

Umso erstaunlicher ist es, dass eine einst weltweit gefürchtete Rote Armee anscheinend nicht effizient gegen die Waldbrände kämpfen kann. Und als vor ein paar Jahren New Orleans absoff, benötigte die am höchsten gerüstete US-Army etliche Tage, bevor sie überhaupt vor Ort war. Der Grund für beides: Diese Organisationen stecken immer noch in starrer Fixierung auf Kampfhandlungen, statt auch auf Handreichung trainiert zu sein.

Man muss nicht gleich alle Kalaschnikows zu Gartenschaufeln umschmieden. Nein, es reicht, wenn man von den Armeen der Welt verlangt, was von allen anderen verlangt wird: permanente Weiterbildung, Flexibilisierung und Ausweitung von Angebot und Gerätschaft. Da können dann schon ein paar teure Spielzeuge wie Abfangjäger wegfallen.

Statt fiktiver Feinde muss der zahlende Kunde in den Mittelpunkt rücken. Wir alle.****

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