Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Spiel auf Zeit"

Ausgabe vom 31. Juli 2010

Wien (OTS) - Edmund Entacher ist um seinen Job nicht zu beneiden. Der ranghöchste Offizier muss das Bundesheer durch die vielleicht schwierigste Zeit seit dessen Neugründung 1955 führen: Während sich die sicherheitspolitische Welt rund um Österreich von Grund auf geändert hat, erschöpft sich der Beitrag der heimischen Politik in Lobpreisungen auf die Wunderwaffe Neutralität, während gleichzeitig die Streitkräfte seit Jahrzehnten finanziell ausgehungert wurden. Das ist keine bloße Meinungsäußerung, das belegen harte Fakten.

In dieser ohnehin prekären Situation hat der Finanzminister die Budget-Daumenschrauben noch einmal kräftig angezogen. Und Europa, das längst zum alleinigen Bezugspunkt für die sicherheitspolitische Ausrichtung Österreich geworden ist, befindet sich diesbezüglich in einem großen Selbstfindungsprozess; bei dem noch niemand weiß, was am Ende herauskommen soll und wird.

Vor gut gemeinten und anderen Ratschlägen kann sich das Heer kaum erwehren. Es liegt in der Natur der heimischen Tagespolitik, dass sich die Parteien an das Motto halten, je radikaler die Ideen, desto besser: Von der Abschaffung der Wehrpflicht und der Einführung eines Berufsheeres bis zur Streichung ganzer Waffengattungen (die Wehrpflicht für Frauen entpuppte sich als Missverständnis): So funktionieren aufmerksamkeitszentrierte Organisationen wie Medien und Parteien.

Entacher macht dabei das einzig Richtige, wenngleich nicht gerade Populärste: Der Generalstabschef spielt auf Zeit. Entscheidungen, die sich, einmal getroffen, nicht mehr so leicht rückgängig machen lassen, will er um jeden Preis vermeiden. Zumindest, bis sich die ärgsten Nebel um die künftigen sicherheitspolitischen Strukturen der Union gelichtet haben. Das wird, selbst im allergünstigsten Fall, noch einige Jahre dauern.

Das Bundesheer hat so viele Jahrzehnte niemanden in der Politik wirklich interessiert, da sollte es eigentlich kein Problem sein, auch das noch abzuwarten. Gut möglich aber, dass die Politik diesmal anderen Gesetzmäßigkleiten gehorcht: Jenen nach rasch vorzeigbaren Ergebnissen. Das Risiko, dass sich die dabei getroffenen Entscheidungen im Nachhinein als falsch herausstellen, ist groß.

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