"Kleine Zeitung" Kommentar: "Für Obama wird der Krieg in Afghanistan gefährlich" (von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 30.07.2010

Graz (OTS) - Barack Obama hat sich erbost über die Veröffentlichung geheimer Akten zum Afghanistan-Krieg im Internet gezeigt. Damit könnten Menschen oder Einsätze gefährdet werden, sagte der US-Präsident. Was er nicht gesagt hat: Die streng vertraulichen Daten aus Afghanistan könnten auch ihm gefährlich werden.

Die mehr als 90.000 Dokumente beschreiben zwar die Kriegsführung unter Vorgänger George W. Bush, ihre politischen Folgen könnten aber Obamas Strategie beenden. Denn er trägt die Verantwortung für die deutliche Truppenerhöhung und ein konkretes Abzugsdatum der US-Truppen.

Die Enthüllung liefert den Gegnern seiner Afghanistan-Politik neue Munition. Da ist zum einen das eigene Lager. Kritiker bei den Demokraten, wie der einflussreiche Senator John Kerry, wagen sich aus der Deckung und zweifeln an der US-Politik in Afghanistan und Pakistan. Dabei dürften gerade Kerry als Vorsitzendem des Auswärtigen Ausschusses die Fakten geläufig sein. Doch Kerry und andere Widerständler bei den Demokraten wissen eine wachsende Gruppe von Amerikanern hinter sich: Der Krieg hat seit Obamas Amtseid weiter an Popularität eingebüßt. Mittlerweile unterstützen ihn sogar weniger Amerikaner als unter Bush.

Wie wenig selbst die Demokraten hinter ihrem Präsidenten stehen, zeigt die jüngste Abstimmung über zusätzliche 37 Milliarden Dollar für die neue Afghanistan-Strategie im US-Kongress. Beim Votum im Repräsentantenhaus waren fast die Hälfte der demokratischen Senatoren dagegen. Dafür stimmten fast alle Republikaner für Obamas Vorschlag -obwohl er ein halbes Jahr vergeblich beim Kongress um die Zustimmung geworben hat. Dass die Geheimakten ausgerechnet zwei Tage vor der Abstimmung veröffentlich wurden, verleiten zu neuen Spekulationen.

Aber auch mit den Verbündeten der USA in Afghanistan hat der US-Präsident zu kämpfen. Die Geheimdossiers verschärfen den Rückzugswunsch der wichtigsten internationalen Truppensteller: Wir haben es bisher nicht geschafft und werden es auch in kommender Zeit nicht schaffen. Also ziehen wir schnell ab.

Doch die Enthüllung könnte sich für Obama auch als Glücksfall erweisen. Alle wähnen sich nun im Bilde über die Gefahren. Obama könnte ohne Gesichtsverlust den Nato-Staaten und dem eigenen Volk eine letzte Kraftanstrengung abverlangen - sogar über 2014 hinaus. Denn nun kann er unumwunden argumentieren: Wir haben die Lage noch nicht im Griffe. Wir brauchen noch mehr Zeit.****

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