TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 27. Juli 2010, von Irene Heisz: "Ein Ende mit Schrecken"

Die Loveparade als Phänomen der Popkultur war tot und wurde als Marketing-Vehikel wiederbelebt.

Innsbruck (OTS) - Das waren noch Zeiten, als das schlimmste
Problem mit der Loveparade urinverseuchtes Erdreich im Berliner Tiergarten war! Ihre Unschuld hat die mobile Freilichtdisco allerdings nicht erst am Samstag in Duisburg verloren.
Was 1989 in Berlin mit 150 Menschlein unter dem treudeutsch-biederen Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" begann, war zwar schon damals keine politische Demonstration im engeren Sinn, aber trotzdem bis 2001 als solche angemeldet. Das lag allerdings eher daran, dass nicht selbst für Sicherheitspersonal und Reinigung zahlen muss, wer glaubhaft machen kann, dass er eine politische Botschaft zu veröffentlichen gedenkt. Immerhin war der Zusammenrottung der Techno-Szenen das subversive, überraschende, unkalkulierbare Moment nicht abzusprechen, das jeglicher neuen Strömung der (Populär-)Kultur innewohnt.
Doch schnell hat auch die Revolution der ohren- und hirnbetäubend wummernden Bässe ihre ekstatisch tanzenden Kinder gefressen. Horkheimer/Adorno wussten nichts von Raves, aber dass die Kulturindustrie das Individuum zum Konsumenten schrumpft, gilt nach wie vor. Kommerzialisierung führt zu Trivialisierung und zum Ende der Subversion: Das abschätzige Wort "Spaßgesellschaft" wurde geboren und die Loveparade lieferte die Bilder und Töne zum längst verzweifelt anmutenden Exzess, von dem spätestens seit Beginn der jüngsten Weltwirtschaftskrise auch dem letzten Kampfkiffer klar sein dürfte, dass er vorbei ist.
Der letzte Veranstalter der Loveparade räumt freimütig ein, dass er die Party, Mitte der Nullerjahre bereits tot, als Marketing-Vehikel für seine Fitness-Studiokette wiederbelebt hat. Das wirkt nicht nur im Nachhinein zynisch, hat aber, wie es zurzeit ausschaut, den Duisburger Stadtverantwortlichen dermaßen imponiert, dass sie unter Missachtung zahlreicher Warnungen Tausende Menschen in eine Todesfalle laufen ließen.

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