"Die Presse" - Leitartikel: Krieg und Transparenz im Zeitalter des Internets, von Christian Ultsch

Ausgabe vom 27.07.2010

Wien (OTS) - Wikileaks verändert die Spielregeln des Journalismus:
Es bietet Informanten Anonymität und weltweite Resonanz.

Allein der Umfang der Enthüllung muss die US-Regierung ins Mark treffen. Ein Anonymus, der zumindest bis Ende des vergangenen Jahres an der Quelle gesessen war, spielte nicht weniger als 91.731 geheime US-Militärdokumente über den Afghanistan-Krieg an die Öffentlichkeit. Einen tieferen Einblick in einen laufenden Krieg hat es vermutlich noch nie gegeben. Dementsprechend empört fiel die Reaktion des Nationalen Sicherheitsberaters der USA aus: Die Veröffentlichung gefährde das Leben der Soldaten in Afghanistan, sagte James Jones und ging nicht weiter darauf ein, dass genau aus diesem Grund weitere 15.000 Papiere zurückgehalten wurden. Den Wahrheitsgehalt der Informationen zweifelte der General zunächst interessanterweise nicht an.
Deren Brisanz wiegt möglicherweise weniger schwer als der Umstand, dass das US-Pentagon mit pazifistischem Widerstand in den eigenen Reihen zu kämpfen hat. Zum zweiten Mal in kurzer Zeit wurde der Internetorganisation Wikileaks aus dem Militärapparat Material zugetragen, das Einsätze der USA ins schiefe Licht rückt.
Vor wenigen Monaten erst machte weltweit eine Videoaufnahme die Runde, auf der zu sehen ist, wie die Piloten eines US-Helikopters unter zynischem Jagdgeschrei einen irakischen Fotografen erschießen, den sie für einen Terroristen halten. Dem Informanten, einem 22-jährigen US-Soldaten, ist man mittlerweile auf die Schliche gekommen. Ihm drohen 52 Jahre Haft.
Auch damals verbreitete Wikileaks die kompromittierende Enthüllung. Der Aufdeckungsjournalismus scheint im Zeitalter des Internets eine neue Form gefunden zu haben. Der Name der Organisation, hinter der angeblich nur fünf Hauptaktivisten stecken, ist Programm: "Leak" bedeutet "undichte Stelle". Und ähnlich wie bei "Wikipedia", der "Wikileaks" allerdings nicht angehört, handelt es sich um ein idealistisches Projekt. Einer der Sprecher der Gruppe, der Australier Julian Assange, sagte nach der jetzigen Publizierung der Afghanistan-Memos ganz offen, dass es sein Ziel sei, den Krieg am Hindukusch zu stoppen.
Das Prinzip der Plattform ist einfach: Informanten können ihre Daten bei "Wikileaks" anonym und verschlüsselt hochladen. Das eröffnet natürlich auch die Möglichkeit, Personen oder Organisation anzuschwärzen. Angeblich - das ist wieder so ein "leak" - überlegte man im US-Geheimdienst, den Online-Aufdeckern auf diesem Weg den Garaus zu machen: durch Fehlinformationen. Doch "Wikileaks" behauptet, Journalisten zu beschäftigen, die Informationen überprüfen. Gewiss ist das nicht. Denn, wenn es um die eigene Identität geht, ist "Wikileaks" weniger transparent.
Diesmal arbeitete die Gruppe mit klassischen Medien zusammen. Bevor die fast 92.000 Dokumente online gingen, haben die "New York Times", der "Guardian" und der "Spiegel" die Memos abgeklopft und zeitgleich darüber berichtet. Eine Kooperation, die wegweisend für den Journalismus der Zukunft sein könnte: "Wikileaks" bietet eine Plattform für Personen, die Hinweise auf Missstände geben; und Profis hinterfragen den Wahrheitsgehalt dieser Angaben.

Die Zahl der undichten Stellen könnte sich in der neuen "Wikileaks"-Ära erhöhen. Doch es gab sie natürlich auch schon vor Erfindung des Internets. Davon lebt der Journalismus - von Personen, für die es höhere moralische Grundsätze als den Korpsgeist gibt. 1971 hinterbrachte Daniel Ellsberg der "New York Times" eine Studie über den Vietnam-Krieg. Es war eine Bombe. Aus den "Pentagon Papers" ging hervor, dass mehrere US-Regierungen gelogen hatten und etwa die Flächenbombardements in Kambodscha und Laos verschwiegen worden waren.
Diese Wucht haben die jetzigen Afghanistan-Enthüllungen nicht. Es war kein Geheimnis, dass Pakistans Geheimdienst mit den afghanischen Taliban-Milizen kooperiert. Und auch die Existenz von Kommandos, die gezielt Jagd auf die Islamistenführung macht, überrascht nicht wirklich.
Unangenehm könnte es allerdings für die deutsche Regierung werden, die offenbar die Gefahrenlage im Einsatzgebiet der Bundeswehr verharmlost hat. In Deutschland tobt ohnehin schon seit Monaten eine Debatte über die Sinnhaftigkeit des Einsatzes am Hindukusch. Und auch in den USA könnte die Enthüllung zersetzend wirken, weil der Eindruck entsteht, dass Teile des Militärapparats den Krieg ablehnen.
Eines aber geht aus den Dokumenten auch hervor: Ein überstürzter Abzug spielt vor allem zwei Organisationen in die Hände - den Taliban und dem pakistanischen Geheimdienst. Das haben die Idealisten von "Wikileaks" vielleicht weniger bedacht.

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